Grenzenloser Hochwasserschutz: Nordrhein-Westfalen und die Niederlande vertiefen Zusammenarbeit
Minister Krischer: Land legt Bilanz und Ausblick im Hochwasserschutz fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe vor: 600 Projekte seit 2021, weitere 120 Renaturierungen mit Schutz-Effekt, mehr Mittel, mehr Tempo
Die Hochwasserkatastrophe 2021 war für das Land Nordrhein-Westfalen eine Zäsur. Sie hat auf dramatische Weise gezeigt, dass Schutzsysteme und Warnstrukturen weiterentwickelt und Planungen an die Folgen des Klimawandels angepasst werden müssen.
Die Hochwasserkatastrophe 2021 war für das Land Nordrhein-Westfalen eine Zäsur. Sie hat auf dramatische Weise gezeigt, dass Schutzsysteme und Warnstrukturen weiterentwickelt und Planungen an die Folgen des Klimawandels angepasst werden müssen. Bei der ersten gemeinsamen Hochwasser-Pressekonferenz mit den Niederlanden, die als Vorreiter in der Vorsorge gelten, legten beide Länder vor, was sie in den vergangenen fünf Jahren unternommen haben, um die Menschen besser vor Hochwasser zu schützen. Beide Länder verbindet seit den großen Rheinhochwassern vor mehr als 30 Jahren eine einzigartige Partnerschaft.
Vincent Karremans, Minister für Infrastruktur und Wasserwirtschaft der Niederlande: „Die Bilder der Flutkatastrophe vor fünf Jahren haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Auch wenn eine solche Naturkatastrophe ein außergewöhnliches Ereignis ist und wir uns nicht zu 100 Prozent dagegen schützen können, setzen wir alles daran, Schäden und Opfer so weit wie möglich zu begrenzen. Dafür ist die Zusammenarbeit mit unseren Flusspartnern von entscheidender Bedeutung. In den vergangenen fünf Jahren haben wir diese Zusammenarbeit vertieft und weiter verbessert. Hochwasser macht nicht an Grenzen halt – unsere Zusammenarbeit darf das ebenfalls nicht.“
Ob bei der Sanierung der Rheindeiche in Emmerich oder Rheinberg, an denen niederländische Firmen beteiligt sind, oder bei einem der größten gesteuerten Hochwasserpolder Deutschlands, der gerade in Köln-Worringen entsteht und Anlieger bis in die Niederlande schützen soll: Beide Länder profitieren von dieser Zusammenarbeit. „Es gilt das Prinzip: Oberlieger schützt Unterlieger. Gemeinsam können wir die Sicherheit für Millionen Menschen am Rhein und seinen Nebenflüssen erhöhen. Bei der Weiterentwicklung von Maßnahmen sind die Niederlande unser bester Kooperationspartner“, sagte Umweltminister Oliver Krischer.
Gemeinsames Forschungsprogramm
Um ihre Systeme in Zeiten des Klimawandels krisenfest zu machen, setzen beide Länder auf anwendungsbezogene Forschung. Das Programm JCAR ATRACE ist ein wichtiger Baustein. Es bietet unter anderem die Möglichkeit, Fragestellungen aus der Praxis direkt an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen und des niederländischen Institutes Deltares zu adressieren. JCAR ATRACE etabliert damit die enge Verzahnung von Praxis und Wissenschaft, die eine Erkenntnis und Konsequenz aus der Katastrophe 2021 war.
Prof. Holger Schüttrumpf, Leiter des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen: „Das Hochwasser 2021 hat uns die Bedeutung eines grenzüberschreitenden Hochwasserschutzes deutlich vor Augen geführt. Das Prinzip Oberlieger schützt Unterlieger gilt auf der kommunalen, regionalen und internationalen Ebene gleichermaßen. Wir müssen daher den Hochwasserschutz gemeinsam anpacken, um eine Wiederholung des Ereignisses von 2021 zu verhindern. JCAR Atrace bietet uns hier die Möglichkeit, grenzüberschreitende Fragestellungen zu untersuchen und anschließend direkt in die Praxis zu überführen.“
„Room for the River“ als Leitbild
Nordrhein-Westfalen und die Niederlande verbindet außerdem das Ziel, technischen und natürlichen Hochwasserschutz zu verbinden. Dafür gibt es in den Niederlanden das Programm „Room for the River“ (Raum für den Fluss). Statt Deiche nur immer höher zu bauen, gibt man den Gewässern dort, wo es möglich ist, ihre Auen zurück. Auf diese Puffer-Wirkung setzt auch Nordrhein-Westfalen: Renaturierungen und Deichrückverlegungen wie derzeit in Duisburg-Mündelheim oder Rees schaffen natürliche Puffer, die Hochwasserspitzen kappen und gleichzeitig die biologische Vielfalt stärken. Auch große Renaturierungen wie an der Lippe im Bereich Haltern, Lippramsdorf und Marl schaffen mehr Rückhaltevolumen.
Hein Pieper, Deichgräf der niederländischen Waterschap Rijn en IJssel: „In unserer Grenzregion arbeiten deutsche und niederländische Wasserbehörden seit vielen Jahren eng zusammen. Die wichtigste Erkenntnis dabei? Die Menschen machen den Unterschied. In einer Krise kommt es darauf an, dass man sich kennt, versteht und vertraut. Wie unsere Nachbarn sagen: ,In Krisen muss man Köpfe kennen‘.“
Alle Beteiligten setzten bei der Pressekonferenz im Wasserbaulabor der RWTH Aachen ein starkes Zeichen, dass Hochwasserschutz über Grenzen hinweg geplant werden muss – unabhängig von Verwaltungsgrenzen. Das Land Nordrhein-Westfalen bezieht die Niederländer derzeit auch bei seinen „Regionalpakten für den Hochwasserschutz“ ein. Dabei werden Konzepte für ganze Flusseinzugsgebiete mit allen Beteiligten geplant und umgesetzt. Die niederländischen Partner beteiligen sich am Verhandlungsprozess für einen Regionalpakt Eifel-Rur (Maas-Süd). Die Regionalpakte Rhein und Maas-Nord werden folgen. Ziel ist es, kompatible Schutzsysteme für den Rhein sowie Nebenflüsse wie Rur, Niers oder Ijssel zu schaffen, um die Menschen beidseits der Grenze optimal und effizient zu schützen.
Mehr Mittel, mehr Projekte, mehr Tempo
Rückblickend markierte die Hochwasserkatastrophe in beiden Ländern eine Zäsur: „Wir haben den Hochwasserschutz seitdem so schnell vorangebracht wie nie zuvor. In Zeiten des Klimawandels können wir uns keinen Aufschub leisten. Das neue Tempo durch Effizienz und Zusammenarbeit treiben wir jetzt in den Pakten voran“, sagte Umweltminister Oliver Krischer.
Seit 2021 hat das Land Nordrhein-Westfalen rund 500 Millionen Euro für den Hochwasserschutz zur Verfügung gestellt. Trotz angespannter Haushaltslage wurde klar priorisiert: 2021 betrug der Mittelansatz für den Hochwasserschutz 56,7 Millionen, seit 2025 stellt das Land mit rund 100 Millionen Euro fast doppelt so viel pro Jahr zur Verfügung. Damit wurden seit der Hochwasserkatastrophe rund 600 Projekte gefördert, die zum klassischen Hochwasserschutz zählen, darunter Deichsanierungen, Neubauten, Rückhaltebecken, der Ausbau des Pegelnetzes und die Erstellung von Starkregenmanagement- und Hochwasserschutzkonzepten in den Kommunen.
Drei Beispiele für große zurzeit laufende Deichsanierungen: Rheinberg-Wallach (Fördervolumen des Landes circa 27 Millionen Euro), Duisburg-Mündelheim (Fördervolumen von Land und Bund voraussichtlich über 100 Millionen Euro) und Rees-Löwenberg (3. Bauabschnitt; Fördervolumen des Landes voraussichtlich circa 28 Millionen Euro). Bei mehreren solcher Großprojekte konnte der Bau in den vergangenen Jahren beschleunigt werden.
In Köln-Worringen entsteht derzeit einer der größten gesteuerten Hochwasserpolder Deutschlands. Er soll im Ernstfall zukünftig Hochwasserspitzen des Rheins um bis zu 17 Zentimeter senken und Einsatzkräften bis zu 14 Stunden zusätzliche Vorbereitungszeit ermöglichen. Derzeit wird die Ausführung geplant, die ersten Bauarbeiten sind für 2027 geplant. Zudem steht der Bau von zwei großen Rückhaltebecken an der Vicht mit einem Landes-Fördervolumen von fast 28 Millionen Euro an.
600 Projekte und 120 Renaturierungen mit Schutz-Effekt
Zu den 600 Projekten kommen 120 zukunftsweisende Projekte seit 2021 hinzu, die technischen Hochwasserschutz mit ökologischer Flussentwicklung kombinieren, wie zum Beispiel das Hochwasser- und Naturschutzprojekt Haltern-Lippramsdorf-Marl (HaliMa) oder der Neubau des Wehrkomplexes Stiftsmühle in Lippstadt. Auch hier hatte die Hochwasserkatastrophe 2021 gezeigt, dass technische Bauwerke allein oft nicht ausreichen. Moderner Hochwasserschutz in Nordrhein-Westfalen setzt deshalb auf die Kombination mit ökologischen Maßnahmen, weil sie den Wasserabfluss verlangsamen und zusätzliches Retentionsvolumen schaffen.
Weitere wichtige Maßnahmen in Nordrhein-Westfalen:
Mehr Pegel und verbesserte Meldeketten
Ein wesentliches Ziel war und ist die kontinuierliche Weiterentwicklung von Hochwasserinformationen. Dazu zählen schnellere Meldeketten und die optimierte Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst DWD, aber auch die Verdichtung des Pegelmessnetzes. 2021 hatte das Land an 84 Standorten Hochwassermeldepegel, heute sind es 122. Die zusätzlichen Pegel wurden insbesondere an kleineren Flüssen errichtet, die vor 2021 noch nicht im Fokus standen. Zurzeit werden gewässerkundliche Pegel der Wasserverbände in das Landesnetz integriert und nutzbar gemacht. Das Land stattet sie dafür mit eigener Technik aus.
Pakte für gemeinsames Handeln in den Regionen
Der im Februar 2026 unterzeichnete landesweite „Pakt für Hochwasserschutz“ hat das Ziel, den Schutz der Bevölkerung, der Umwelt und der Wirtschaft vor Flutereignissen durch eine verbesserte Zusammenarbeit, schnellere Verfahren und kombinierte Maßnahmen zum Hochwasserschutz und zur Gewässerökologie zu beschleunigen. Er ist eine Reaktion auf die Hochwasserkatastrophe, aber auch auf die zunehmenden Hochwassergefahren durch den Klimawandel. Mit dem Pakt verpflichten sich alle Akteure – Land, Bezirksregierungen, Kommunen, Wasserverbände und weitere, Hochwasserschutz nicht mehr nur lokal, sondern für ganze Flusseinzugsgebiete und Regionen „aus einem Guss“ zu planen. Für die jeweiligen Gebiete werden zurzeit die „Regionalpakte“ verhandelt.
Hochwasserkommission als Innovations-Motor
Die 2021 einberufene Hochwasserkommission im Umweltministerium mit Experten, Wissenschaftlern und Stakeholdern ist ein Taktgeber bei der Entwicklung eines klimaresilienten Hochwasserrisikomanagements. Sie begleitet die Arbeiten des Landes, die Fortschreibung des 10-Punkte-Arbeitsplans „Hochwasserschutz in Zeiten des Klimawandels“ und unterstützt bei der Entwicklung neuer Methodiken, die direkt Einzug in die Planungen und die Verwaltung halten.
Neue risikobasierte Planung
Mit Unterstützung der Hochwasserkommission wurden Empfehlungen zur Aufstellung risikobasierter Konzepte aufgestellt. Diese stellen erstmalig eine Methodik vor, mit der Maßnahmen vor Ort verbessert und beschleunigt werden können. Diese in Nordrhein-Westfalen entwickelte Methodik stößt bundesweit auf Interesse, da mit ihr einheitliche Kriterien zur Bewertung von Gefahren anhand wissenschaftlich fundierter Kenngrößen genutzt werden. Damit können Schutzziele passgenau auf die Bedarfe vor Ort angepasst werden. Auch im Rahmen der Hochwasserschutzpakte soll die Methodik verwendet und dadurch in die Fläche getragen werden.
Digitale Förderung beschleunigt die Antragstellung
Das Land hat den Zugang zum landeseigenen Förderprogramm „Hochwasserrisikomanagement und Wasserrahmenrichtlinie“ digitalisiert. Für die hochwasserschutzpflichtigen Kommunen und Wasserverbände vereinfacht ein Online-Portal die Antragstellung. Automatische Prüfungen vermeiden Eingabefehler, große Anlagen wie Pläne oder Gutachten können direkt hochgeladen werden und Stammdaten lassen sich für künftige Anträge wiederverwenden. Das spart Zeit und reduziert Schriftverkehr.
Gefahren des Klimawandels stärker im Fokus
Hochwasserstatistiken, die als Grundlage für wasserwirtschaftliche Planungen dienen, müssen künftig die Auswirkungen des Klimawandels miteinbeziehen. Eine Grundlage dafür legt das Projekt „StatExNi", in dem mögliche Extremniederschläge in Nordrhein-Westfalen für heutiges und mögliches zukünftiges Klima berechnet werden. Dabei werden Zeitreihen unter Klimawandeleinfluss bis in das Jahr 2100 erzeugt.
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