Laschet und Blanquer im "Le Figaro"-Interview

Kulturbevollmächtigter Laschet und Minister Blanquer im Interview: „Die Bildung muss im Zentrum des europäischen Projektes stehen

18. Juli 2020

Gemeinsames Gespräch mit der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ im Rahmen der Paris-Reise von Ministerpräsident Laschet

Der Bevollmächtigte der Bundesrepublik Deutschland für kulturelle An-gelegenheiten im Rahmen des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit, Ministerpräsident Armin Laschet, und der französi-sche Minister für Bildung, Jugend und Sport Jean-Michel Blanquer ha-ben der Zeitung „Le Figaro“ das folgende gemeinsame Interview gege-ben, das nachfolgend in der deutschen Übersetzung wiedergegeben wird. Die Fragen stellten Patrick Saint-Paul und Caroline Beyer.

 
Die Staatskanzlei teilt mit:

Was erwarten Sie vom Europäischen Wiederaufbaufonds für Bildung und Schule?

Armin Laschet: „Die Folgen der Corona-Pandemie haben uns noch einmal deutlich gezeigt: Wir müssen in nationalen und europäischen Programmen Bildung, Forschung, Wissenschaft und Technologie noch mehr Raum geben. Wir haben in Europa sehr unterschiedliche Systeme. Doch angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen muss Europa handeln und den Bildungsbereich nachhaltig stärken – dazu zählen zum Beispiel auch digitaler Fernunterricht und Maßnahmen zur energieeffizienten Renovierung von Schulgebäuden.“

Jean-Michel Blanquer: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert ist Bildung das wichtigste Gut. Wenn Europa heute den Unterschied zum Rest der Welt machen möchte, muss die Bildung im Mittelpunkt unserer öffentlichen Politik stehen. Wir müssen eine gemeinsame Vision dessen haben, was wir, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, für Bildung ausgeben möchten, und bedenken, dass die Ausgaben für Bildung an erste Stelle der positiven Ausgaben stehen.“

Indem Angela Merkel den Wiederaufbauplan akzeptiert hat, der durch gemeinsame Schulden finanziert wird, hat Angela Merkel eine Kehrtwende vollzogen. Hat die deutsche Gesellschaft die Idee der Vergemeinschaftung von Schulden akzeptiert?

Armin Laschet: „Die Bundeskanzlerin hat keine Wende eingeschlagen, sondern die richtige Antwort auf eine völlig neue Situation, eine weltweite Pandemie, gegeben. Wir brauchen jetzt mehr Europa. Es geht jetzt nicht um eine Vergemeinschaftung von Altschulden. Die sieht das europäische Recht auch nicht vor, weil jedes Land für seine eigene Politik verantwortlich sein muss. Aber in der Pandemie-Krise muss die Europäische Union einen finanzpolitisch gemeinsamen Weg gehen, der eine neue Qualität hat. Europa kann nur gestärkt aus der Krise herauskommen, wenn auch südliche Mitgliedstaaten wie Italien, Spanien und andere Länder wieder stark sind. Dass die Bundeskanzlerin eine überzeuge Europäerin ist und europäisch denkt, hat man auch in der Flüchtlingskrise gesehen. Ihre Entscheidung damals war, nicht Binnengrenzen zu schließen, sondern Außengrenzen zu sichern und zu einem solidarischen Verteilungssystem zu gelangen. Das ist europäisches Handeln. Sie steht damit ganz in der Tradition von Bundeskanzler Kohl und Bundeskanzler Adenauer.“

Wie viel von den 750 Milliarden des Wiederaufbauplans sollte Ihrer Meinung nach in die Schulen investiert werden?

Jean-Michel Blanquer: „Wir sind dabei, zu beziffern, was dies sowohl auf französischer als auch auf europäischer Ebene bedeutet. Die Europäische Kommission begleitet uns bei dieser Arbeit, und im September müssen die Dinge zum Abschluss gebracht werden. Mindestens 30 Prozent der Kredite, die im europäischen Wiederaufbaufonds freigegeben werden, dienen der Stützung unserer Volkswirtschaften. Die Schulen können bei diesen Investitionen an erster Stelle stehen, insbesondere die Schulgebäude. Das betrifft auch die Digitalisierung von Bildungseinrichtungen, die Souveränität der Mittelverwendung und die Einbeziehung bedürftiger Familien. Es sollte normal sein, dass in den ersten zwei Jahren ein Teil der Investitionen für die Bildung verwendet wird.“

Während der Covid-Krise drängten Sie, jeder auf seiner Ebene, auf die Wiedereröffnung von Schulen. Aus welchen Gründen?

Jean-Michel Blanquer: „In den öffentlichen Debatten in Deutschland und Frankreich gehören wir, zusammen mit Armin Laschet, zu denjenigen, die sich für eine entschlossene und gezielte Wiedereröffnung der Schulen eingesetzt haben, was nicht die Mehrheitsposition war. Wir haben eine gemeinsame Überzeugung: Wir glauben, dass sich Covid-19 nicht nur auf Gesundheitsfragen reduzieren lässt. Es geht um soziale Fragen, um Fragen der Bildung. Man konnte die Schüler nicht von März bis September aus der Schule nehmen. Wir müssten Lockerungen einführen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Gesundheitsvorschriften eingehalten wurden. Im föderalen Deutschland war ein differenzierteres Vorgehen möglich.“

Armin Laschet: „In Deutschland hat die Entscheidung, die Schulen wieder zu öffnen zu sehr unterschiedlichen Reaktionen geführt. Einige haben gesagt: ‘Ihr verhindert, dass unsere Kinder vorankommen’, andere ‘Ihr bringt unsere Kinder in Gefahr.’ Der soziale Aufstieg wird insbesondere durch Bildung, durch Schule ermöglicht. Deshalb war es erforderlich, so schnell wie möglich zum Präsenzunterricht zurückzukehren. Man muss abwägen, welche Schäden ein Lockdown anrichtet, wenn zum Beispiel das Recht auf Bildung eingeschränkt wird. Nordrhein-Westfalen hat daher früh für einen Kurs der Verhältnismäßigkeit geworben, der nicht nur die Verbreitungszahlen des Virus reduziert, sondern ganzheitlich die Auswirkungen der Maßnahmen auf das Kindeswohl im Blick hat.“

Die deutschen Abiturienten haben ihre Abschlussprüfungen abgelegt, wohin gegen die französischen Abiturienten ihren Abschluss auf Grundlage von Vornoten erhalten haben. Wie erklären Sie sich das?

Armin Laschet: „In Deutschland hatten etliche Schüler gefordert, das Abitur lediglich auf Grundlage von Vornoten zu vergeben. Doch die Kultusminister der 16 Länder haben sich abgestimmt und darauf geeinigt, die Prüfungen abzuhalten, sofern es das Infektionsgeschehen erlaubt. Dies war in Deutschland gegeben und hat gut funktioniert. Prämisse war, dass kein Schüler einen Nachteil aufgrund der Ausnahmesituation erleiden sollte und die Vergabe von Abschlüssen auf Grundlage von zentralen Prüfungen am gerechtesten ist. Wir haben 16 deutsche Länder mit sehr unterschiedlichen Prüfungsterminen. Uns ging es auch um eine frühzeitige Planungssicherheit für die Schüler und es galt sicherzustellen, dass das Abitur überall nach gleichen Kriterien vergeben wird, auch, um die gegenseitige Anerkennung sicherzustellen.“

Jean-Michel Blanquer: „Während der Krise haben wir die Vor- und Nachteile von zentralisierten und dezentralisierten Systemen gesehen. Im französischen Fall hat sich die Zentralisierung für den Fernunterricht ausgezahlt. Wir gehören europaweit zu denen Ländern, in denen die wenigsten Schüler den Anschluss verloren haben und in denen die meisten Schüler in die Schulen zurückkehren konnten. Aber mit dem Baccalauréat, welches vollständig national organisiert ist, war zu wenig Zeit und die technischen Voraussetzungen waren schlicht nicht gegeben, um die Prüfungen zu organisieren. Wir haben uns deshalb für die Vergabe des Abschlusses auf Grundlage bisheriger Noten entschieden – so wurde im Übrigen in der ganzen Welt entschieden. Deutschland bildet eine Ausnahme.“

Was würden Sie aus jeweiligen anderen Bildungssystem übernehmen?

Armin Laschet: „In Frankreich wurde die Bildung nach republikanischen Idealen und früh einheitlich und umfassend betrachtet. Bereits die Schulgesetze Jules Ferry’s prägten den Leitgedanken des gleichen und kostenfreien Lernens für alle vom frühen Alter an. Ein umfassendes Vorschulangebot und die Ganztagsschule sind seither feste Werte. An diesen Angeboten arbeiten wir in Deutschland. Frankreich ist da weiter als wir.“

Jean-Michel Blanquer: „Der Erfolg der Beruflichen Bildung und der Dualen Bildung in Deutschland inspiriert mich zu meinen Reformen. Wir entwickeln im Moment die ‘Campi für Berufe und Qualifikationen’ in unmittelbarer Nähe zu den technologischen Innovationen und den Schülern. Der Platz für Sport und Kultur, der deutschen Schülern im täglichen Leben eingeräumt wird, muss uns ebenfalls inspirieren. Bisher ist dies nicht unsere Stärke. Jetzt, wo ich auch Minister für Sport bin, möchte ich dies, zusammen mit Roxana Maracineanu (Staatsministerin für Sport, Anmerkung der Redaktion), mit Beginn des neuen Schuljahres voranbringen. Die Idee ist, eine Vorstellung des gesamten Tagesablaufes des Kindes zu haben, das heißt sowohl schulisch als auch außerschulisch, und den Tag anders zu organisieren, damit am Nachmittag mehr Zeit für Sport bleibt.“

Dennoch, seit dem “Pisa-Schock" im Jahr 2000 ist dieses deutsche Modell des Vormittagsunterrichts und der Nachmittagsaktivitäten in Frage gestellt, insbesondere wegen der sich daraus ergebenden Ungleichheiten…

Armin Laschet: „Einer der weiteren Vorteile des französischen Systems besteht darin, die Ganztagsschule eingeführt zu haben. Das deutsche System organisierte früher die Schule nur bis zum Mittag und Kindergärten erst ab 3 Jahren. Das Konzept hierzu hing zusammen mit der Vorstellung, dass Kinder auch Bildung im häuslichen Umfeld erfahren verbunden mit einer historisch bedingten Skepsis gegenüber dem Staat. Diese Sichtweise hat sich mittlerweile in Deutschland geändert. Heute gibt es bereits zahlreiche Ganztagsangebote, gerade an Grundschulen, und es werden weitere Vollzeitangebote für die Kinder entwickelt – von den Schulen in Partnerschaft auch mit ehrenamtlichen Verbänden und Sportvereinen.“
 
Deutsche Lehrer werden besser bezahlt als ihre französischen Kollegen. Und sie unterrichten 2 Fächer. Ist dies auch für Frankreich denkbar?

Jean-Michel Blanquer: „In Frankreich wird das in Berufsschulen bereits praktiziert. Einige Fächer, wie Geschichte-Geografie sind bereits zusammengelegt. Es sollte einem Lehrer möglich sein, diesen Ansatz zu verfolgen. Dies könnte im Kontext des bevorstehenden Generationswechsels des Lehrpersonals diskutiert werden.“

Heute sind wir Zeugen eines Kulturkrieges gegen die Geschichte und die koloniale Vergangenheit. Was muss jungen Menschen, vor allem mit Migrationshintergrund, beigebracht werden?

Jean-Michel Blanquer: „Wenn man in ein Land kommt und dort aufwächst, ist es wichtig, Stolz darauf zu empfinden, zu diesem Land zu gehören. Die Geschichte Frankreichs und die Werte der Republik müssen daher im Mittelpunkt unserer Schulpolitik stehen, die de facto eine Politik der Integration ist. Ich bin sehr skeptisch gegenüber amerikanischen kommunitaristischen Tendenzen, die nicht unserem Modell entsprechen. Dies ist in Frankreich seit längerem zu beobachten und führt zu Fragmentierung. Was wir allen jungen Menschen mitgeben müssen, ist ein gutes Allgemeinwissen und ein Gefühl für die Werte der Republik.“

Armin Laschet: „Vor meiner Zeit als Ministerpräsident war ich Integrationsminister des Landes Nordrhein-Westfalen und kenne das Thema sehr gut. In Deutschland gab es lange die Haltung, Arbeitskräfte, die wir angeworben hatten, als „Gast“-Arbeiter zu bezeichnen – soll heißen, die Menschen sind nur temporär bei uns und gehen wieder zurück. Die Lebenslüge Deutschlands war, dass wir kein Einwanderungsland sind. Deshalb haben wir auch zu lange türkische Kinder in der Schule in türkischer Sprache unterrichtet. In Wahrheit aber waren wir immer ein Einwanderungsland. Dies Wahrnehmung hat sich geändert. Auch wenn das französische und deutsche Modell sehr unterschiedlich ist, das Problem gelingender Integration haben beide Länder. Deshalb müssen wir den sozialen Aufstieg durch Bildung noch stärker möglich machen.“

Entspricht die Sprachpolitik des deutsch-französischen Tandems den immer wieder vielfach vorgebrachten Ambitionen?

Jean-Michel Blanquer: „Als ich 2017 ins Amt kam, habe ich die ‘europäischen Sektionen’ und die ‘bilingualen Klassen’ wiedereingeführt. Die vorherigen Streichungen haben dem Deutschlernen geschadet. Wir sehen einen Wiederanstieg. Heute lernen 15,7 Prozent der Sekundarschüler Deutsch, ein noch nie erreichter Wert. Das haben Marke von 500.000 Schüler überschritten.“

Armin Laschet: „Ziel ist es, dass die Zahl der deutschen Schüler, die Französisch lernen, noch weiter steigt. Mein Wunsch ist es, dass Französisch bei uns in Deutschland nach dem Englischen die zweite Fremdsprache bleibt. Und dass bei unseren französischen Freunden Deutsch die zweite Fremdsprache wird. Der Aachener Vertrag gibt uns den Auftrag und die Möglichkeit, die Partnersprache zu fördern.“
 

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