Löhrmann: Judenhass darf nicht zur Normalität werden
Die Beauftragte für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur stellt den siebten Jahresbericht über ihre Arbeit sowie die aktuelle Situation in Bezug auf Antisemitismus vor
Die Beauftragte für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur stellt den siebten Jahresbericht über ihre Arbeit sowie die aktuelle Situation in Bezug auf Antisemitismus vor und zieht für ihr erstes Jahr im Amt eine zweigeteilte Bilanz
In Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2025 laut Statistik der politisch motivierten Kriminalität 786 antisemitische Straftaten registriert. Im Vorjahr waren es 695 Fälle. Das entspricht einem Anstieg um 13 Prozent und bedeutet durchschnittlich mehr als zwei antisemitische Straftaten pro Tag allein in Nordrhein-Westfalen. Auch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen, RIAS NRW, dokumentierte mit 1.102 antisemitischen Vorfällen einen neuen Höchststand. Das sind 17 Prozent mehr als im Jahr 2024 mit 940 Vorfällen.
Auch an den Hochschulen bleibt die Lage angespannt. Die Zentrale Beratungsstelle für Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen dokumentierte für 2025 insgesamt 85 antisemitische Vorfälle. Nach 79 Fällen im Jahr 2024 und 25 Fällen im Jahr 2023 zeigt sich, dass jüdische Studierende und Lehrende weiterhin einem erheblichen Druck ausgesetzt sind.
Sylvia Löhrmann, Beauftragte für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur: „Die erneut gestiegenen Zahlen antisemitischer Straftaten und Vorfälle in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen erfüllen mich mit großer Sorge. Hinter jeder einzelnen Zahl steht eine konkrete Tat gegenüber einem Menschen, einer jüdischen Institution oder einer Gedenkstätte. Das sind Angriffe auf Jüdinnen und Juden – und zugleich Angriffe auf die Grundwerte unserer Demokratie. Wir dürfen uns an diese Lage nicht gewöhnen. Judenhass darf nicht zur Normalität werden.“
In ihrem Bericht macht die Beauftragte deutlich, dass Antisemitismus in unterschiedlichen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Kontexten auftritt. Er ist nicht auf ein einzelnes Milieu beschränkt. Rechtsextreme, linksextreme, islamistische, religiöse bis in die Mitte der Gesellschaft hineinwirkende antisemitische Einstellungen müssen gleichermaßen benannt und bekämpft werden.
„Wer Antisemitismus nur bei den jeweils anderen verortet, trägt nicht zur Lösung bei, sondern externalisiert das Problem, schiebt es von sich oder beteiligten Gruppen weg, statt alle in die Verantwortung zu nehmen und zu halten“, so Löhrmann. „Der Kampf gegen Antisemitismus verlangt Ehrlichkeit, Haltung und Verantwortung von allen Teilen unserer Gesellschaft. Politik, staatliche Institutionen, Zivilgesellschaft, Schulen, Hochschulen, Religionsgemeinschaften, Kultur und Sport müssen gemeinsam handeln.“
Der Bericht zeigt zugleich die Breite des Engagements im Land: Viele Projekte beziehen jüdische Perspektiven bewusst ein, etablieren dauerhafte Formate, stärken Netzwerke und richten sich gezielt an junge Menschen.
„Die Lage im Bereich des Antisemitismus blieb im Jahr 2025 sehr angespannt – das machen die im Bericht erläuterten Daten für das Berichtsjahr deutlich. Gleichzeitig zeigt der Bericht die ganze Breite des Engagements in Nordrhein-Westfalen. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass über das ganze Land verteilt so viele motivierte Organisationen zusammenarbeiten und Haltung zeigen. Etliche Formate und Projekte entwickeln Kontinuität und Regelmäßigkeit, durch aktive Netzwerkarbeit wird die Reichweite erhöht. Das macht mir – bei aller Sorge um die aktuellen Auswüchse des Antisemitismus – Mut und motiviert mich in meiner Arbeit. Auf diesem Engagement müssen wir weiter aufbauen, gerade in herausfordernden Zeiten“, so die Beauftragte über ihr erstes Jahr im Amt.
In den Handlungsempfehlungen fordert die Beauftragte, Prävention dauerhaft und strukturell zu verankern. Bildung bleibt dabei ein zentraler Schlüssel. Lehrkräfte müssen befähigt werden, Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Die Beauftragte begrüßt daher die 2025 verabschiedete gemeinsame Empfehlung zur Verankerung des Themas Antisemitismus in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung – Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung.
Für eine dauerhafte Präventionsarbeit bedarf es starker lokaler und landesweiter Netzwerke gegen Antisemitismus, verbindliche Konzepte an Schulen, eine systematische Lehrkräftebildung, niedrigschwellige Beratungsangebote für Betroffene, dem Ausbau von Medienkompetenz, eine konsequente digitale Präventionsarbeit sowie regelmäßige Fortbildungen in staatlichen Behörden, Polizei, Justiz, Jugendämtern und Verwaltungen.
„Gerade der digitale Raum darf kein Raum der Straflosigkeit sein“, betont Löhrmann. „Soziale Medien spielen bei der Verbreitung antisemitischer Narrative, von Desinformation, Hassrede und Verschwörungsmythen eine immer größere Rolle. Kinder, Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren brauchen passgenaue Unterstützung, um antisemitische Codes, Falschinformationen und Radikalisierungsmuster erkennen und einordnen zu können.“
Zugleich unterstreicht der Bericht die Bedeutung jüdischen Lebens und einer lebendigen Erinnerungskultur. Die Beauftragte fordert: „Jüdisches Leben soll nicht nur im Kontext von Verfolgung, Antisemitismus und Schoah sichtbar werden, sondern in seiner Gegenwart, Vielfalt und Selbstverständlichkeit als Teil unserer Gesellschaft. Es ist richtig, die Erinnerungskultur muss regional, partizipativ, digital und zukunftsorientiert weiterentwickelt werden. Aufklärung, Bildung, Begegnung und sichtbare Solidarität sind unverzichtbar. Antisemitismusbekämpfung ist immer auch Demokratiearbeit. Sie entscheidet mit darüber, wie frei, sicher und solidarisch unser Zusammenleben ist.“
Hintergrund
Seit dem 1. November 2024 nimmt Staatsministerin a. D. Sylvia Löhrmann das Amt der Beauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur wahr. Sie folgt auf Bundesministerin a. D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die seit dem 6. November 2018 als erste Antisemitismusbeauftragte des Landes berufen war und das Amt zum 31. Oktober 2024 niederlegte. Auch Sylvia Löhrmann übt das Amt ehrenamtlich aus.
Die Beauftragte initiiert und koordiniert präventive Maßnahmen der Antisemitismusbekämpfung in Nordrhein-Westfalen, ist Ansprechpartnerin für Betroffene antisemitischer Übergriffe und legt dem Landtag jährlich einen Bericht über ihre Arbeit vor. Darin empfiehlt sie Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus, zur Stärkung jüdischen Lebens und zur Weiterentwicklung der Erinnerungskultur in Nordrhein-Westfalen.
Den Jahresbericht 2025 finden Sie hier.
Kontakt
Pressekontakt
Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen
| Telefon: | 0211 / 837-1134 |
|---|---|
| E-Mail: | presse [at] stk.nrw.de |