Land Nordrhein-Westfalen setzt Künstliche Intelligenz gegen Finanzkriminalität ein

Mit dem KI-System ForenSight kann die nordrhein-westfälische Finanzverwaltung digitale Beweismittel in Ermittlungsverfahren schneller und gründlicher auswerten

6. November 2026
Digitale Sicherheit, cyber, social media, security, Datenschutz

Das KI-System wurde vom Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS entwickelt.

Finanzen

Bei Durchsuchungen und Beschlagnahmen in Fällen von Finanzkriminalität fallen regelmäßig Millionen Dateien an: Dokumente, Chats, Bilder, Audio- und Videoaufnahmen. Oft sind weniger als zehn Prozent davon für das Ermittlungsverfahren relevant. Die manuelle Auswertung solcher Datenmengen bindet Ermittler über Monate oder Jahre. Genau hier setzt ForenSight an.

Das KI-System wurde vom Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS entwickelt. Es übersetzt, fasst zusammen, transkribiert Audio- und Videodateien, erkennt Personen, Firmen und Orte und stellt deren Verbindungen als Wissensgraphen dar. Jede erkannte Verbindung ist mit dem zugrundeliegenden Dokument verknüpft. Ein fallbasierter Chatbot beantwortet Fragen ausschließlich auf Grundlage der Ermittlungsakten.

Minister Dr. Marcus Optendrenk: „Wer Finanzkriminalität wirksam bekämpfen will, muss bei der Datenauswertung genauso professionell sein wie die Täter bei der Verschleierung. ForenSight gibt unseren Ermittlerinnen und Ermittlern ein Werkzeug an die Hand, das aus Millionen Datensätzen die entscheidenden Spuren herausfiltert. Die inhaltliche Bewertung bleibt beim Menschen, die Analyse wird schneller und verlässlicher.“

Erste Ergebnisse aus dem Pilotbetrieb

Die Pilotphase belegt den Nutzen des Systems. In einem Verfahren identifizierten Ermittler 1.000 relevante Seiten aus einem Bestand von 20 Millionen Seiten innerhalb weniger Wochen. Manuell hätte diese Auswertung Jahre gedauert. In weiteren Testfällen fanden die Ermittler rund 60 Prozent mehr relevante Dokumente und 62 Prozent mehr beteiligte Personen als mit bisherigen Methoden. Ein internationales Netzwerk, über das ein Verein Millionenbeträge bewegt hatte, konnte vollständig und interaktiv dargestellt werden.

ForenSight arbeitet nach dem Prinzip „Human in the Loop“: Die KI bereitet Daten auf und macht Vorschläge. Prüfen, bewerten und entscheiden tut der Ermittler. Erste Ausbaustufe ist die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung, ein Taskforce-Fall wurde bereits erfolgreich bearbeitet. Weitere Einsatzfelder sind die Analyse verdächtiger Transaktionen, die Erkennung von Geldwäsche-Indikatoren und die Auswertung von Analyseberichten der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU).

Fachveranstaltung mit Bund, Wirtschaft und Gewerkschaft

Unter dem Titel „Starker Staat, kluge Technik: Wie KI die Bekämpfung von Finanzkriminalität verändert“ hatte Minister Dr. Optendrenk am Donnerstag, 5. November 2026, in die Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund eingeladen. Die Veranstaltung knüpft an zwei erfolgreiche Formate in Brüssel an, bei denen das Land Nordrhein-Westfalen Anfang 2025 und Mitte 2026 seine Rolle bei der Bekämpfung von Finanzkriminalität auf europäischer Ebene vorgestellt hatte.

Nach einer Keynote des Ministers stellte Dr. Christian Lange, Leiter der Abteilung Steuerliche Informationstechnik im Ministerium der Finanzen, ForenSight im Detail vor. Lange hatte das System wenige Tage zuvor bereits in Washington, D. C. einem internationalen Fachpublikum präsentiert. Auf dem Podium diskutierten Dr. Thora Funken (Stellvertretende Leiterin der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen), Lars-Heiko Kruse (Partner und Anti-Financial Crime Leader bei PwC Deutschland), Florian Köbler (Bundesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft) und Minister Dr. Optendrenk über Chancen und Grenzen des KI-Einsatzes, den rechtlichen Rahmen und die Frage, wie Beschäftigte für die neue Technik gewonnen und qualifiziert werden können. Die Moderation übernahm Karsten Seibel von der WELT.

Dr. Thora Funken, Stellvertretende Leiterin der FIU: „Die Verhinderung der Finanzkriminalität ist ein Stufensystem. Sie beginnt mit der Geldwäscheprävention, die maßgeblich durch das Geldwäschegesetz adressiert wird und die Analyse der FIU – operativ und strategisch – umfasst wie ebenso die aufsichtlichen Aufgabenstellungen; die Repression erfolgt über die (steuerrechtliche) Strafverfolgung. Um Muster und Geldwäschenetzwerke zu erkennen, bedarf es der strukturierten, automatisierten Auswertung von großen Datenmengen – digitale Transformation in enger Behördenvernetzung und -kooperation sind unerlässlich – zwingend im Rahmen der verfassungs- und datenschutzrechtlichen Grenzen. Übergeordnete Leitlinie ist: ‚Follow the money‘. Schon gegenwärtig, aber gerade mit Blick auf die weitere Umsetzung des ‚EU-AML-Pakets‘, gilt es hier, mit den Festlegungen der AMLA gemeinsam europäische Standards zu setzen.“

Florian Köbler, Bundesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft: „KI wie ForenSight nimmt unseren Steuerfahnderinnen und Steuerfahndern nicht die Arbeit ab, sondern den Heuhaufen – die Nadel finden weiterhin Menschen. Wer in Algorithmen investiert, muss deshalb genauso in Köpfe investieren. Und Daten müssen zwischen Behörden so schnell fließen dürfen wie das Geld der Täter.“

„Die Aufsicht sollte das Investment in Technologie im regulatorischen Rahmen der Geldwäschebekämpfung mehr fördern, weil kriminelle Organisationen längst digital arbeiten. KI kann Analyseaufgaben besser und zuverlässiger erledigen als rein manuelle Prozesse, wenn Governance und Qualitätssicherung stimmen sowie final ‚the human in the Loop‘“, sagt Lars-Heiko Kruse, Partner und Anti-Financial Crime Leader PwC Deutschland.

Souveräne Infrastruktur aus Nordrhein-Westfalen

ForenSight läuft auf der Infrastruktur des Rechenzentrums der Finanzverwaltung (RZF) in Kaarst, das über einen eigenen KI-Inkubator und GPU-Hardware verfügt. Die Daten bleiben in der Hoheit des Landes. Die Forschungskooperation mit dem Fraunhofer IAIS ist bis Mitte 2027 verlängert. Finanziert wird das Projekt aus dem nordrhein-westfälischen Maßnahmenpaket zu Sicherheit, Migration und Prävention.

Hintergrund: Das LBF NRW

Das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) bündelt seit dem 1. Januar 2024 die Arbeit der zuvor zehn eigenständigen Steuerfahndungsämter in Nordrhein-Westfalen. Mehr als 1.200 Beschäftigte arbeiten dort mit polizeilichen Befugnissen und staatsanwaltschaftlichen Rechten in Steuerstrafsachen. Das Landesamt verfügt über ein eigenes IT-Kompetenzzentrum und ist seit Anfang 2026 Mitglied der Anti Financial Crime Alliance (AFCA), einer beim Bund angesiedelten öffentlich-privaten Partnerschaft zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.

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