65 Jahre Anwerbeabkommen: Ministerpräsident Wüst dankt Gastarbeitern und würdigt Leistung und gemeinsame Geschichte türkeistämmiger Menschen für Nordrhein-Westfalen
Festakt am historischen Ort am Flughafen Düsseldorf / Wüst: Der Erfolg unseres Landes beruht auch auf dem Mut und Eifer der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in Nordrhein-Westfalen
Mit einer Festveranstaltung würdigt die Landesregierung am Freitag, 18. September 2026, die Lebensleistung und gemeinsame Geschichte der Menschen mit Wurzeln in der Türkei, die als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zusammen mit ihren Familien in den 1960er und 1970er Jahren nach Nordrhein-Westfalen kamen.
Vor 65 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. Mit einer Festveranstaltung würdigt die Landesregierung am Freitag, 18. September 2026, die Lebensleistung und gemeinsame Geschichte der Menschen mit Wurzeln in der Türkei, die als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zusammen mit ihren Familien in den 1960er und 1970er Jahren nach Nordrhein-Westfalen kamen.
Ministerpräsident Hendrik Wüst: „Der Erfolg unseres Landes beruht in großem Maße auf dem Fleiß der Generationen vor uns. Und dazu gehören besonders auch der Arbeitseifer und der Mut der Menschen, die vor 65 Jahren ihre Heimat verlassen haben, um nach Deutschland zu kommen, aus der Türkei, aber auch aus Italien, aus Spanien und Griechenland, Marokko, Tunesien, Portugal, dem ehemaligen Jugoslawien. Sie haben mit ihrer Arbeit in der Stahlproduktion, unter Tage, in Fabriken, im Handwerk und in der Textil- und Elektroindustrie die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand wesentlich mit geschaffen.
Das vor 65 Jahren zwischen Deutschland und der Türkei geschlossene Anwerbeabkommen sollte eine Lösung auf Zeit sein. Aber dazwischen gekommen ist das Leben und die Menschen selbst. Trotz aller Widrigkeiten und oft ohne Anerkennung für ihre Leistung, haben sich viele von ihnen entschieden, zu bleiben. Die Kinder und Enkelkinder der damaligen Gastarbeiter sind heute Lehrerinnen, Polizisten, Unternehmer, Vereinsvorsitzende. Der Beitrag der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter ist Teil der Geschichte unseres Landes. Sie haben unser Land vielfältiger, offener und stärker gemacht. Für ihren großen Einsatz für Nordrhein-Westfalen in all den Jahren gebührt ihnen unser größter Respekt und unser tiefempfundener Dank. Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Gefühl ‚nicht richtig dazuzugehören‘ ist für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bis heute real. Umso mehr ist es die Aufgabe für Politik, Medien und die Zivilgesellschaft sich für Offenheit und Toleranz und gegen Vorurteile und Ausgrenzung einzusetzen.“
Der Festakt findet am Flughafen Düsseldorf statt. Dort erreichten 1961 die ersten sogenannten Gastarbeiter aus der Türkei Nordrhein-Westfalen. Neben Ankommenden der ersten Stunde und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind rund 250 türkeistämmige Menschen aus mehreren Generationen sowie Vertreter der Republik Türkei zu Gast. Zu ihnen gehören der Botschafter der Republik Türkei in Deutschland, Gökhan Turan, Ahmet Necati Sezer, erster Integrationsbeauftragter der Stadt Gronau, die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterin Ayşe İrem und Can Genç, ein Enkel der Familie Genç, die bei dem rassistischen Brandanschlag von Solingen 1993 fünf Angehörige verlor. Im Mittelpunkt stehen ihre persönlichen Lebensgeschichten und die Würdigung ihrer Verdienste um Nordrhein-Westfalen.
Das Anwerbeabkommen wurde am 30. Oktober 1961 durch den Austausch von Verbalnoten zwischen dem Auswärtigen Amt in Bonn und der Türkischen Botschaft geschlossen. Ziel war es, zunächst für zwei Jahre Arbeitskräfte für die stark wachsende deutsche Wirtschaft zu gewinnen. In den darauffolgenden zwölf Jahren reisten rund 867.000 Frauen und Männer aus der Türkei nach Westdeutschland ein, vor allem ins Ruhrgebiet, um dort in den Zechen, an Förderbändern und in den Fabrikhallen zu arbeiten. 1964 wurde die ursprünglich vorgesehene Befristung auf zwei Jahre aufgegeben, ein dauerhafter Aufenthalt wurde möglich. Durch den erleichterten Nachzug holten viele Eingewanderte ihre Familien nach. Aus einem befristeten Arbeitsaufenthalt wurde für viele eine neue Heimat. Diese Entwicklung prägt Nordrhein-Westfalen bis heute.
Würdigung, Erinnerung und Dialog über vier Generationen
Bei der Festveranstaltung kommen türkeistämmige Menschen aus vier Generationen mit ihren persönlichen Geschichten zu Wort, etwa in zwei von der Journalistin Elif Şenel moderierten Talkrunden mit Mitat Özdemir (ehemaliger Arbeiter bei Ford), Fatma Tuna (Kulturvermittlerin) und Osman Okkan (Journalist und Dokumentarfilmer). Darüber hinaus sprechen Staatssekretärin Gonca Türkeli-Dehnert, der Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel aus Essen und der Journalist Murat Bayraktar. Den künstlerischen Rahmen gestalten drei Schülerinnen des Gymnasiums Eickel in Herne mit ihrem Bağlama-Ensemble um Haydar Yakit, sowie Ayşe İrem, Gewinnerin der internationalen deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften 2025.
Premiere Video-Projekt und Fotoausstellung
Einen weiteren Programmpunkt bildet das Video-Projekt „Augenhöhe" der Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan, das in Teilen erstmals gezeigt wird. In den Aufnahmen erzählen türkeistämmige Menschen der ersten Generation ihre Geschichten von Migration, Ankommen und dem Leben in Deutschland. Inhaltliche Schwerpunkte sind Familie, Gesundheit und Arbeit. Die lebensgroße digitale Video-Installation soll im kommenden Jahr bundesweit in Fußgängerzonen und Rathäusern zu sehen sein. Renan Demirkan kam im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland und wurde für ihre Arbeit sowie für ihr gesellschaftliches Engagement vielfach ausgezeichnet.
Renan Demirkan: „Das Anwerbeabkommen hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ich wurde eine andere durch Deutschland, dieses Land wurde anders durch mich und durch all die ‚unsichtbaren Zugereisten‘. Die erste Generation war lange zu unsichtbar. Ich möchte ihre Geschichten so groß erzählen, dass sie unübersehbar werden und uns auf Augenhöhe begegnen.“
Erstmals gezeigt wird zudem die Fotoausstellung „Zu Hause! Memleket! Nordrhein-Westfalen feiert 65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“. Sie porträtiert türkeistämmige Menschen aus Nordrhein-Westfalen und erzählt ihre persönlichen Geschichten. Die Porträtaufnahmen stammen unter anderem von dem Kölner Fotografen Guenay Ulutuncok. Zu den Porträtierten gehören Sabri Aydın, der im Sommer 1961 als einer der ersten Pioniere noch vor dem Abkommen nach Düsseldorf kam, Durmuş Genç, der bei dem rassistischen Brandanschlag von Solingen fünf Angehörige verlor, sowie bekannte Persönlichkeiten wie der ehemalige Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft İlkay Gündoğan. Sie alle stehen stellvertretend für rund eine Million Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Nordrhein-Westfalen und zeigen, wie unterschiedlich die Wege und wie groß die Verdienste dieser vier Generationen sind.
Hintergrund Nordrhein-Westfalen und die Türkei
Nordrhein-Westfalen ist Heimat für rund eine Million Menschen mit Wurzeln in der Türkei, knapp 500.000 von ihnen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Das ist ein Drittel aller in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Pass. Die größten Gemeinschaften bestehen in Köln, Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen und Düsseldorf.
Keine Region weltweit ist so eng mit der Republik Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen. Nordrhein-Westfalen ist eine zentrale Drehscheibe der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen. Das jährliche Handelsvolumen liegt stabil bei 10 bis 12 Milliarden Euro und damit bei rund einem Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels. Im vergangenen Jahr kamen aus der Türkei die meisten ausländischen Direktinvestitionen nach Nordrhein-Westfalen. Zwischen 25.000 und 30.000 kleine und mittlere Betriebe im Land werden von Menschen mit türkischen Wurzeln geführt.
Auch gesellschaftlich reichen die Verbindungen weit. Mehr als die Hälfte aller türkischen Studierenden in Deutschland ist an nordrhein-westfälischen Hochschulen eingeschrieben. Rund 35 Städtepartnerschaften verbinden beide Länder, fast jede zehnte Kommune des Landes hat einen türkischen Partner. Und mit vier Generalkonsulaten der Republik Türkei beherbergt Nordrhein-Westfalen mehr türkische Auslandsvertretungen als jedes andere Bundesland.
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