Rede von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zu "70 Jahre NRW"

23. August 2016

Rede von Frau Ministerpräsidentin Hannelore Kraft anlässlich des Festaktes "70 Jahre NRW" in der Tonhalle Düsseldorf am 23. August 2016

Aus Anlass des 70. Landesgeburtstages hat das Land Nordrhein-Westfalen am 23. August 2016 den feierlichen Festakt "70 Jahre NRW" in der Tonhalle Düsseldorf ausgerichtet. Lesen Sie hier die Rede von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die sie beim Festakt in Beisein von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und S.K.H. Prinz William, Duke of Cambridge, gehalten hat.

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Königliche Hoheit,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
liebe Frau Bundeskanzlerin,
Frau Landtagspräsidentin,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Geburtstagsgäste,
 
es ist eine große Freude, Sie heute hier begrüßen zu können in unserer Landeshauptstadt Düsseldorf. Auch ich möchte ein Stück zurückblicken. Vor 70 Jahren, am 23. August 1946, als Nordrhein-West­falen gegründet wurde, lagen große Teile Düssel­dorfs noch in Trümmern, wir haben es in den Bildern gesehen. Zehn Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die Straßen der Stadt, mehr als die Hälfte der Gebäude war zerstört. Und nicht nur in Düsseldorf sah es so aus. Weite Teile des Landes waren verwüstet, selbst in kleinen Städten wie Düren, Wesel oder Paderborn stand so gut wie kein Haus mehr. Und in den Trümmern und Ruinen Millionen von Menschen, viele von ihnen Flücht­linge, die kaum das Nötigste zum Leben hatten. Infrastruktur und Industrie waren eben­falls zerstört. Ein Brite beschrieb das Ruhr­gebiet damals als, ich zitiere, „den größten Schutthaufen, den die Welt je gesehen hat.“
 
Die Menschen standen vor einer unglaublichen, fast un­lösbar erscheinenden Aufgabe. Sie mussten ihr Land physisch – und nach 12 Jahren Diktatur und Vernichtungs­krieg – auch moralisch und politisch wieder aufbauen. Alle, die das noch selbst miterlebt haben, oder die mit diesen Erinnerungen ihrer Familien aufgewachsen sind, wissen, wie schwer das war.
 
Meine Damen und Herren,
ich glaube, nie haben wir in Nordrhein-Westfalen ein­drucksvoller bewiesen, was an Wandel möglich ist, wenn alle gemeinsam anpacken, als mit der Um­gestaltung dieses „Schutt­haufens“ in neu auf­gebaute Städte, neu errichtete Industrie, neu ge­schaffene Infra­struktur. Und damit auch in neue Hoffnung und neue Pers­pektiven. Ja, vor gewalt­igen Aufgaben nicht zu resig­nieren, sondern sie an­zupacken, den Wandel zu gestalten, das ist in der DNA unseres Landes angelegt.
 
Meine Damen und Herren,
es ist der klugen Gründung durch die Briten zu ver­danken, dass Nordrhein-Westfalen sich von Anfang an als ein starkes, wandlungsfähiges Land entwickeln konnte. Die Briten schufen ein Land mit einer gelungenen Balance von Industrie­regio­nen und länd­lichen Räumen. 1947 wurde es mit Lippe sogar noch ein besonders schönes Stück größer. Heute können wir mit großer Dankbarkeit sagen: Die britische Regierung hat durch die „operation marriage“ die stabile Basis ge­schaffen für 7 Jahr­zehnte Freiheit und Demo­kratie, Wohl­stand und Solida­rität im bevölkerungsreichsten Bundesland – und damit hat sie auch dafür gesorgt, dass diese Werte in Deutschland insgesamt aufgebaut werden konnten.
 
Ich möchte darum sehr gern die Gelegen­heit nutzen, um Ihnen, Königliche Hoheit, stell­ver­tretend für Ihr Land von ganzem Herzen für die Gründung Nordrhein-Westfalens im Jahre 1946 zu danken:
 
Your Royal Highness, 70 years ago Britain gave us a chance to govern ourselves again. By establishing North Rhine-Westphalia, shortly after the War and the victory over Nazi-Germany, your country demonstrated an enormous measure of trust. Trust in our ability to accept the values and principles of democracy. With this act of trust the British not only established a new country, they also laid new foundations for an age of democracy and freedom, of economic growth and prosperity in Germany and Europe. Thank you very much indeed for having given us this chance for a new beginning! It is something we shall never forget.
 
Meine Damen und Herren,
in Nordrhein-Westfalen haben wir immer wieder gezeigt, dass wir große Aufgaben mit Erfolg an­packen können. So gab es 1946 in ganz Nordrhein-Westfalen 6 Hochschulen – keine einzige davon im Ruhrgebiet. Und heute ist die Metropole Ruhr die dichteste Hochschullandschaft Europas.
 
NRW hat sich quasi neu erfunden als Land von Wissen­schaft, Forschung und Bildung. Und es musste sich neu erfinden. Denn die Mon­tan­industrie, lange der stärkste Motor für das deutsche Wirtschaftswunder, geriet ab Ende der 50er Jahren in eine tiefe Krise. Hunderttausende Arbeits­plätze gingen ver­loren, aber es entstanden nach und nach hundert­tausende neue Arbeits­plätze. Und das gilt nicht nur für das Ruhrgebiet, sondern für alle Regionen des Landes, in denen Wett­bewerbs­fähigkeit – und damit Wohlstand und sichere Arbeitsplätze immer wieder neu erkämpft werden mussten.
 
Eine Voraussetzung für diesen Erfolg waren jahr­zehntelange, massive Investitionen in Bildung, Forschung und Wissen­schaft. Wir haben die Rohstoffe immer stärker durch Köpfe, durch Können ersetzt – und haben Krisen durch Kreativität überwunden. An Rhein und Ruhr ist so ein tiefer Strukturwandel – bei allen Schwierigkeiten – besser gelungen als in vielen ver­gleich­baren Regionen der Welt. Wir haben gemeinsam Neues ge­schaffen, das weit in die Zukunft reicht und trägt.
 
Aber kein Zweifel: Wir müssen auch in Zukunft immer wieder beweisen, dass wir Wandel können. Und das werden wir. Wir alle zusammen. Sie alle hier repräsentieren unser NRW: als Abgeordnete, als Gewerk­schafter, als verant­wortungs­volle Arbeitgeber, als Arbeitnehmer, als Ehrenamtler, als Bürgerinnen und Bürger. Sie alle repräsentieren Nordrhein-Westfalen. Es ist unsere gemeinsame Verant­wortung, noch mehr Bildungschancen für alle Kinder und Jugend­lichen zu eröffnen, noch stärker Zukunftspoten­ziale, wie die der Digita­lisierung zu nutzen, noch wirksamer unser Naturerbe zu schützen und auf unsere Sicherheit acht zu geben. Der Himmel über der Ruhr ist längst wieder blau. So wie es damals von Willy Brandt gewünscht wurde. Und auch die vom Schmutz schwarze Emscher, einst ein offener Abwasser­kanal, wird bald wieder eine blaue Lebens­ader sein. Ein vergleichbares Projekt gibt es in ganz Europa nicht und es zeigt beispielhaft, wie Wandel gelingt.
 
Dass wir in NRW Wandel können, hat auch sehr viel damit zu tun, dass wir Integration können. Wie wohl kein anderes Flächenland in Deutschland ist Nordrhein-Westfalen durch Zuwanderung ge­prägt. Das hat uns stark gemacht. Heute hat bei uns jeder 4. eine Zuwanderungs­geschichte. Gemeinsam sind wir Nordrhein-Westfalen. Bei uns ist fast die gesamte Welt zuhause. Denn hier leben Menschen aus mehr als 200 Nationen. Wir halten an dieser Welt­offen­heit fest. Das ist unsere Art zu leben. Das ist unsere Stärke. Und darum bleiben wir auch in Zukunft Heimat für alle, die mit anpacken wollen und die unsere Gesetze und Werte achten, gleich welcher Herkunft und gleich welchen Glaubens sie sind.
 
Offenheit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, gemeinsam anpacken, das ist typisch Nordrhein-Westfalen. Sich aufeinander verlassen können, sich um­ein­ander kümmern, das macht unser Land aus. Viele Menschen in Nordrhein-Westfalen zeigen das Tag für Tag auf eindrucksvolle Weise: Sie enga­gieren sich nicht nur haupt- sondern auch ehrenamtlich. Und gerade zuletzt wieder haben wir das bewundern können, als die vielen Flücht­linge zu uns kamen. Wir wissen, dass wir zusammen mehr erreichen können.

Ja, dass wir Solidarität können, das soll NRW auch in Zukunft prägen. Damit Wandel und Fortschritt möglichst allen zugutekommen. Solidarität im Wandel, das ist das wertvollste Erbe aus 70 Jahren Nordrhein-Westfalen – und dieses Erbe werden wir bewahren und vermehren. Und ich möchte heute allen von Herzen danken, die dabei bisher mit­geholfen haben und es weiter tun. Ich wünsche alles Gute für unser Land, Glückauf Nordrhein-Westfalen und Gottes Segen!

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