"Wir haben keine Theaterkrise"

30. Januar 2011

"Wir haben keine Theaterkrise"

Kulturministerin Ute Schäfer stellt den Theatern in NRW 4,5 Millionen Euro in Aussicht. Mit dieser Ankündigung setzt die Ministerin einen kulturpolitischen Akzent. Im Interview mit der Welt am Sonntag äußert sich die Ministerin zu den hinterlassenen "Baustellen" der Vorgängerregierung, zur Finanzierung von Jeki, dem Bau des Landesarchiv und zur Finanzierung von Theatern.

Das Land fördert Schauspielhäuser und Opern mit zusätzlichen 4,5 Millionen Euro - zu viel oder zu wenig? Ein Gespräch mit der Kulturministerin.

Wenige Stunden bevor das Verfassungsgericht in Münster der Landesregierung vergangene Woche den Nachtragshaushalt 2010 unter Vorbehalt gestoppt hatte, stellte die Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) den Theatern in NRW 4,5 Millionen Euro in Aussicht. Mit dieser Ankündigung setzt die Ministerin ihren ersten größeren kulturpolitischen Akzent. Bis dahin hatte sie noch kein kulturpolitisches Profil entwickelt. Kritiker halten ihr vor, sie setze sich zu wenig für die Kunst ein und betone deren pädagogische Funktion zu sehr. Die "Welt am Sonntag" traf die Ministerin, die auch für Familie, Kinder, Jugend und Sport zuständig ist, in ihrem Büro.

Welt am Sonntag: Durchkreuzt die Entscheidung des Verfassungsgerichts Ihre Ideen?

Ute Schäfer: Es steht außer Frage, dass wir unsere Arbeit jetzt streng an dem orientieren müssen, was uns aus Münster aufgegeben wird. Aber wir können trotzdem gut arbeiten, zumal der Kulturhaushalt vom Nachtragshaushalt nicht betroffen ist.

Welt am Sonntag: Am Anfang Ihrer Amtszeit war die Freude der Kulturszene groß, dass die Kultur endlich wieder in einem Ministerium verankert ist. Doch schnell kam Kritik auf. Die Kultur laufe in dem großen Ministerium unter ferner liefen, und Sie setzten keine kulturpolitischen Akzente.

Ute Schäfer: Ich glaube, das waren vor allem erst mal Befürchtungen. Dass wir nach einem Regierungswechsel kritisch beobachtet werden, halte ich für ganz normal - zumal die Kulturszene in Nordrhein-Westfalen besonders vielfältig ist und meiner Ansicht nach auch kritisch sein muss. Mittlerweile haben wir aber viele Gespräche geführt, um uns ein genaues Bild von der Kultur im Land zu machen. Dafür mussten wir als Erstes den Sachstand einzelner Projekte gründlich prüfen. Es ist vernünftiger und entspricht auch meinem Naturell, gut informiert zu sein, um entscheiden zu können, wie und wohin sich Dinge weiterentwickeln sollten.

Welt am Sonntag: Was haben Sie vorgefunden? Gab es Überraschungen?

Ute Schäfer: Am meisten verblüfft hat mich die Gigantomanie, mit der der ehemalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und sein Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff Projekte ins Leben gerufen haben. Einige davon sind heute deshalb gefährdet, weil sie unstrukturiert und nicht richtig finanziert waren. Diese Baustellen müssen wir jetzt bearbeiten.

Welt am Sonntag: Können Sie Beispiele für solche "Baustellen" nennen?

Ute Schäfer: "Jeki" war für uns eine echte Überraschung. Dieses Projekt, das im Ruhrgebiet "Jedem Kind ein Instrument" versprach, stand im Grunde genommen kurz vor dem Aus. Denn die ehemalige Landesregierung hatte noch nicht eingeworbene Spendengelder von zwölf Millionen Euro einfach für die Finanzierung der Stipendien von "Jeki" fest eingeplant. Da es aber kaum Sponsoren gab, fehlte diese Summe schließlich. Als wir im Juli unsere Arbeit aufnahmen, kamen die Kommunen des Ruhrgebiets sofort auf uns zu. Sie waren überaus besorgt, denn es galt Musikschullehrer und Instrumente zu finanzieren - und die Mittel dafür waren nicht vorhanden.

Welt am Sonntag: Haben Sie überlegt, "Jeki" zu kippen?

Ute Schäfer: Nein, das wollten wir auf keinen Fall, denn die Idee, die dahinter steht, dass jedes Kind ein Instrument lernen soll, ist gut. Allerdings will ich auch nicht verheimlichen, dass wir Mühe haben, das Projekt auf sichere finanzielle Füße zu stellen. Aber ich denke, wir werden es schaffen. "Jeki" allerdings auf das ganze Land auszuweiten, das werden wir so bald nicht umsetzen können. Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Landesarchiv. Bekannt ist ja, dass die Kosten für den Bau im Duisburger Hafen von rund 40 Millionen Euro auf weit über 100 Millionen Euro angestiegen sind. Diese Summe muss jetzt das Finanzministerium schultern. Die Folge sind jährliche Mietkosten von sechs Millionen Euro für das neue Archiv - und der Vertrag läuft 30 Jahre! Ein Blick in den Vertrag zeigt, dass der Mietzins an die Bausumme gekoppelt wurde. Das heißt, je teurer der Bau wird, je höher steigt der Mietzins. Das ist unglaublich. Ich habe kein Verständnis dafür, wie man so fahrlässig mit Steuergeldern umgehen kann. Unsere Juristen prüfen zurzeit, ob es möglich ist, aus dem Vertrag herauszukommen.

Welt am Sonntag: Falls die Juristen eine Ausstiegsmöglichkeit sehen, was geschieht dann mit den jetzigen Standorten der Landesarchive?

Ute Schäfer: Die bleiben erst mal da, wo sie sind, bis wir eine gute und finanzierbare Lösung gefunden haben.

Welt am Sonntag: Nun haben Sie vergangene Woche Ihren ersten eigenen Akzent gesetzt und den Theatern 4,5 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Applaus haben Sie dafür nicht erhalten. Das sei ein Tropfen auf den heißen Stein, hieß es. Vorgestellt hatten sich die Theaterleute und Kommunalpolitiker, dass das Land generell 20 Prozent der Betriebskosten übernehmen soll.

Ute Schäfer: Ich betone immer wieder: Wir haben keine Theaterkrise, sondern eine Krise der Kommunalfinanzen. Die Landesregierung tut alles, um die Kommunen zu entlasten. 20 Prozent der Betriebskosten, das entspräche 60 Millionen Euro, das können wir nicht leisten. Das würde einen großen Teil unseres Kulturetats von knapp 170 Millionen Euro verschlingen. Und dass der Kulturetat vor dem Hintergrund der Hauhaltslage des Landes um 60 Millionen Euro erhöht wird, haben auch die Oberbürgermeister und Intendanten, mit denen ich in den vergangenen zwei Wochen gesprochen habe, nicht wirklich angenommen.

Welt am Sonntag: Was wollen Sie mit dieser Förderung erreichen?

Ute Schäfer: Es geht mir zum einen darum, auf die gesellschaftliche Relevanz der Theater hinzuweisen. Darüber hinaus wird es eine Theaterkonferenz geben, in der die Kommunen und Intendanten gemeinsam überlegen, wie die Theater zukunftsfähig gemacht werden können. Dabei geht es auch darum, neue Strukturen zu schaffen, um die Theater lebensfähig zu machen.

Welt am Sonntag: Es geht also um Fusionen?

Ute Schäfer: Die Agenda legt die Theaterkonferenz selbst fest. Hier werden wir keine Vorgaben machen.

Welt am Sonntag: War es vor diesem Hintergrund nicht ein falsches Signal der Landesregierung, Bochums neues Konzerthaus finanziell zu unterstützen?

Ute Schäfer: Das Viktoriaquartier mit der Marienkirche ist kein reines Konzerthaus. Es ist mehr - ein Musikhaus, das in das Konzept der sozialen Stadt eingebettet wird.

Welt am Sonntag: Ist es für die NRW-Kulturministerin nicht frustrierend, vielen Institutionen Geld zu geben, aber kaum Einfluss nehmen zu können?

Ute Schäfer: Ich bin mir dieser Tatsache bewusst, daher sehe ich es als Aufgabe des Landes an, Netzwerke zu bilden, Dialoge zu ermöglichen, Akzente zu setzen. Wir können Weichen stellen und das Bewusstsein für Kultur im Land stärken.

Das Gespräch führte Christiane Hoffmans

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