Rede von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zur Amtseinführung der Anstaltsleiterin Frau Blikslager in der Justizvollzugsanstalt Aachen am 27.03.2009

27. März 2009

Rede von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zur Amtseinführung der Anstaltsleiterin Frau Blikslager in der Justizvollzugsanstalt Aachen am 27.03.2009

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Meine Damen und Herren,

wie geht es Ihnen heute? Mir ist Ihr Wohlergehen deshalb so wichtig, weil eine Besorgnis erregend hohe Anzahl der Bediensteten im Justizvollzug wegen Erkrankung ausfällt.

Das Phänomen ist auch in anderen Bundesländern zu beobachten, während gleichzeitig die Krankenzahlen in der freien Wirtschaft sinken.

Ich kann und ich werde mich nicht damit abfinden - mit der nun fast schon "traditionell" außergewöhnlich hohen Krankenquote im Vollzug! Zusätzlich scheidet eine nicht unerhebliche Zahl von Bediensteten vorzeitig aus dem Dienst aus. Im letzten Jahr waren darunter sogar zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter 50 Jahren.

Es kann nicht richtig sein, über das Problem hinweg zu steigen, indem wir einfach nur "mehr Personal" fordern. Vielmehr müssen wir uns nach den Gründen fragen, warum die Arbeit in den Justizvollzugsanstalten - besonders die Arbeit des allgemeinen Vollzugsdienstes - so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter krank oder sogar dienstunfähig macht.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Arbeit im Strafvollzug eine ungewöhnliche Herausforderung ist. Wir haben es hier mit inhaftierten Menschen zu tun, die oftmals über Jahre hinweg durch alle anderen sozialen Netze gefallen sind. Wir arbeiten mit sehr schwierigen Persönlichkeiten, die nicht freiwillig bei uns sind. Deren Betreuung bringt außergewöhnliche psychische, manchmal sogar physische Belastungen mit sich - auch für gestandene Experten wie Sie. Ich schätze Ihre Arbeit! Ich verstehe sehr gut, dass hoch engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Grenzen ihrer Kraft kommen können.

Ohne Sie geht es aber nicht! Das wichtigste Behandlungs-"Instrument" im Strafvollzug ist und bleibt die Persönlichkeit, die sich den Inhaftierten stellt. Jede und jeder einzelne Bedienstete wird dabei gebraucht!

Leider müssen wir dem Umstand ins Auge sehen, dass ein nicht geringer Teil des vorhandenen und dringend benötigten Personals krankheitsbedingt schlichtweg nicht an Bord ist. Wenn es uns doch gelänge, mit geeigneten Maßnahmen der Prävention und Führung auch nur die Hälfte der Erkrankungen zu vermeiden! Dann könnten wir schon morgen mit über 300 zusätzlichen Kräften unsere Aufgaben in der Betreuung und Behandlung der Inhaftieren wahrnehmen.

Woran liegt es denn nun, dass so viele Bedienstete krank werden? Um endlich den Bereich der Spekulation über die Ursachen unseres unverhältnismäßig großen Krankenstands verlassen zu können, habe ich eine externe Analyse in Auftrag gegeben. Das beauftragte Institut hat für uns einen Fragebogen entwickelt, der uns helfen wird, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Wir brauchen Aufschluss darüber, wo wir mit den Problemlösungen ansetzen können. Den Bediensteten der JVA Aachen danke ich dafür, dass sie tatkräftig an der Erstellung des Fragebogens mitgewirkt haben.

Durch die Vorarbeiten an dem Befragungsinstrument zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Krankheitsursachen vielschichtig sind und keine einfache Erklärung möglich ist. Eine einfache Lösung gibt es leider nicht. Ich musste mich auch erstmals mit dem Begriff "Problemcocktail" vertraut machen.

Ich bin gespannt, ob Sie sich hier in Aachen dafür entscheiden, dieses Instrument zu nutzen. Vielleicht wollen Sie auch in anderer Form an der Senkung der Krankenstände arbeiten. Eines ist klar: die Gesundheitsförderung Ihrer Bediensteten lege ich Ihnen, liebe Frau Blikslager, ganz besonders ans Herz.

Es wird nicht dabei bleiben, dass Sie Ihre "Mannschaft" dazu bringen, beim neuen Kantinenpächter öfter mal Salat statt Currywurst zu wählen - oder mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zum Dienst zu kommen. Von Raucher-Entwöhnungskursen möchte ich - wie Sie verstehen werden - gar nicht erst reden. Auch wird ein Angebot zur Nackenmassage, wird ein Gesundheitstag wahrscheinlich - wie andernorts - gut angenommen. Das reicht aber bei weitem nicht.

Ich glaube, dass das, was Bedienstete "kränkt" und krank macht, auch in der Dienstgestaltung oder im Umgang miteinander zu suchen ist. Eine empfundene Ungerechtigkeit bei der Einteilung in den Wochenenddienst, ein missratener Kollegenscherz, ein Dienstposten, auf dem man sich nicht seinen Fähigkeiten gemäß gefordert fühlt - daraus kann im Laufe der Zeit eine steigende Bedrückung erwachsen. Insbesondere die Führungskräfte dieser Anstalt sind unter Ihrer Leitung, Frau Blikslager, gefordert, frühzeitig Signale des Rückzugs, der Enttäuschung, der Über- oder Unterforderung zu erkennen und zu reagieren.

Erkannt und angesprochen werden muss jedoch vor allem die gute Leistung, der funktionierende Alltag, das unspektakuläre gemeinsame Management des Justizvollzugs. Viel zu wenig achten wir darauf, auch die Dinge bewusst auszusprechen, die im Strafvollzug gut laufen. In den Medien kommt der Vollzug üblicherweise mit negativen Vorfällen vor. Während wir solche Meldungen im Radio hören oder in der Zeitung lesen, werden hier im Land Nordrhein-Westfalen über 17.500 Gefangene untergebracht, von Straftaten abgehalten, bei der Arbeit und in der Freizeit betreut, psychotherapeutisch behandelt und vorbildlich auf die Entlassung vorbereitet. Allein hier in Aachen kümmern Sie sich pro Tag um etwa 800 Inhaftierte. Eine Leistung, die sich im wahrsten Sinne des Wortes hinter geschlossenen Türen abspielt und von der Öffentlichkeit selten wahrgenommen wird.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich ausdrücklich für Ihre Arbeit hier in der JVA Aachen bedanken. Ich zolle allen Bediensteten Respekt, die die Stellung halten; die es schaffen, im Dienst gesund zu bleiben und sich nach dem Dienst gesund zu erhalten. Ich erwarte von Ihnen eine offene Kommunikation mit Ihren Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten, so dass Probleme angesprochen und ausgeräumt werden können. Ich sehe alle Bediensteten in der Pflicht, einen Beitrag zur gemeinsamen Gesunderhaltung zu leisten - jede an ihrem Platz, jeder an seinem Platz. Den Führungskräften unter Ihnen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Sie sind gleichzeitig Entscheidungsträger und Vorbild.

Dies war natürlich ganz maßgebend Herr Gries, dem ich ganz herzlich für sein Engagement und Pflichtbewusstsein danke, mit dem er die Anstalt auf Kurs gehalten hat.

Bei Ihnen, liebe Frau Blikslager, weiß ich die Anstalt in guten Händen. Sie machen keine „halben Sachen“, haben sich als neue Anstaltsleiterin von Anfang an ganz auf die neue Aufgabe eingelassen. Sie haben sich nicht nur ein Zimmerchen gemietet, sondern Ihren Wohnsitz von Ostwestfalen ins Rheinland verlegt. Die Bielefelder Anstalten und die JVA Dortmund haben Ihre Klarheit, Direktheit und Ihr Einfühlungsvermögen schätzen gelernt. Ich bin sicher, dass Sie Ihre Führungsqualitäten auch hier in Aachen unter Beweis stellen werden.

Für Ihre neue Aufgabe wünsche ich viel Erfolg und alles Gute, insbesondere ein „gesundheitsförderndes Händchen“! Mögen Sie die Anstalt gemeinsam mit der Belegschaft in ruhigere See bringen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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