Ministerpräsident Laschet zeichnet Frau Lasker-Wallfisch mit dem Verdienstorden aus
5. Juni 2018

Ministerpräsident Armin Laschet zeichnet Anita Lasker-Wallfisch mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen aus

Ministerpräsident Laschet würdigt einzigartige Verdienste der 92-jährigen Holocaust-Überlebenden: „Anita Lasker-Wallfisch hat über Jahrzehnte gegen Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt gekämpft und durch Erinnern der Menschlichkeit Raum gegeben”

Ministerpräsident Armin Laschet hat am Dienstag, 5. Juni 2018, auf den Tag 75 Jahre nach ihrer Verurteilung, Dr. h.c. Anita Lasker-Wallfisch mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die deutsch-britische Cellistin jüdischer Abstammung gehört zu den letzten Überlebenden des Mädchen-Orchesters von Auschwitz. Die Verleihung des Verdienstordens fand im Rahmen einer Feierstunde in der Staatskanzlei statt.

 
Die Staatskanzlei teilt mit:

Ministerpräsident Armin Laschet hat am Dienstag, 5. Juni 2018, auf den Tag 75 Jahre nach ihrer Verurteilung, Dr. h.c. Anita Lasker-Wallfisch mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die deutsch-britische Cellistin jüdischer Abstammung gehört zu den letzten Überlebenden des Mädchen-Orchesters von Auschwitz. Die Verleihung des Verdienstordens fand im Rahmen einer Feierstunde in der Staatskanzlei statt.
 
In seiner Laudatio hob Ministerpräsident Armin Laschet die einzigartigen Verdienste von Anita Lasker-Wallfisch bei zahllosen Vorträgen und Besuchen in Schulen hervor, bei denen die Holocaust-Überlebende vor allem jungen Menschen von ihrem bewegenden Leben berichtet. In Nordrhein-Westfalen hat Anita Lasker-Wallfisch ihre Lebensgeschichte unter anderem Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule Niederzier/Merzenich, der Europaschule Köln, des Gymnasiums Lohmar, des Aloisiuskollegs Bonn und der Katholischen Hochschulgemeinde Köln erzählt.
 
Der Ministerpräsident: „Anita Lasker-Wallfisch hat über viele Jahre ihren großen Beitrag dazu geleistet, damit das Klima in unserer Gesellschaft nicht mehr von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt belastet wird. Dafür danke ich ihr von Herzen und zeichne sie heute mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen aus. Ich danke ihr auch dafür, dass sie diesen Orden annimmt. Anita Lasker-Wallfisch ehrt dadurch auch unser Land.“
 
Durch ihre Lebensleistung und ihr Wirken um die Verständigung und Toleranz hat sich die 92-Jährige allergrößten Respekt und um das Land Nordrhein-Westfalen große Verdienste erworben.
 
Die am 17. Juli 1925 in Breslau geborene Anita Lasker musste im Jahr 1942 miterleben, wie ihre Eltern von den Nationalsozialisten nach Polen deportiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt war die damals 17-jährige in einem Waisenhaus untergebracht und zu Zwangsarbeit in einer Papierfabrik verurteilt. Im selben Jahr scheiterte ein Fluchtversuch von Anita Lasker-Wallfisch mit gefälschten Passpapieren nach Frankreich. Daraufhin wurde sie wegen Urkundenfälschung verhaftet und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. 1943 erfolgte die Deportation nach Auschwitz-Birkenau. In dem Konzentrationslager gehörte Anita Lasker-Wallfisch einer Gruppe von elf Musikerinnen des ehemaligen Mädchenorchesters von Auschwitz an: Die Mädchen wurden gezwungen, unter anderem beim Ein- und Ausmarsch der Arbeitstrupps Musik zu spielen. 1944 wurde Anita Lasker-Wallfisch in das Konzentrationslager Bergen-Belsen überführt. Dort erlebte sie 1945 die Befreiung durch die Alliierten. Nach dem Krieg wanderte Anita Lasker-Wallfisch über Belgien nach London aus, wo sie das London English Chamber Orchestra mitbegründete und als Musikerin wirkte.
 
Neben ihren Vortragsreisen, die sie seit 1994 in Deutschland unternimmt, hat sie 1997 das Buch „Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Ausschwitz. Erinnerungen.“ veröffentlicht. Viel Beachtung fand jüngst auch ihre beeindruckende Rede am 31. Januar 2018 vor dem Deutschen Bundestag im Rahmen der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus.
 
Bei der Feierstunde im Landeshaus thematisierte Ministerpräsident Armin Laschet weiterhin die aktuelle Bedeutung des Erinnerns und Mahnens an die Verbrechen des Nationalsozialismus: „Die Lebensgeschichte von Anita Lasker-Wallfisch zeigt, wohin es führen kann, wenn ganze Gruppen von Menschen stigmatisiert, ausgegrenzt und schließlich vollkommen entrechtet werden. Persönlichkeiten wie Anita Lasker-Wallfisch zeigen uns ganz besonders: Wir dürfen niemals die zentrale Lehre aus dem Nationalsozialismus und der Shoa vergessen. Der Artikel 1 des Grundgesetzes hält diese Lehre fest: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘. Anita Lasker-Wallfisch hat Zeugnis davon abgelegt, was passiert, wenn diese Würde angetastet wird und wie schnell daraus eine humane Katastrophe entstehen kann. Wir sind verpflichtet, die Erinnerung lebendig zu halten. Damit nicht wieder Katastrophen geschehen. Mein Eindruck ist, dass manche diese Erinnerung gar absichtlich vergessen.“
 
Der Verdienstorden des Landes ist im März 1986 aus Anlass des 40. Geburtstages des Landes Nordrhein-Westfalen gestiftet worden. Er wird an Bürgerinnen und Bürger als Anerkennung ihrer außerordentlichen Verdienste für die Allgemeinheit verliehen. Die Zahl der Landesorden ist auf 2.500 begrenzt. In den Jahren seines Bestehens sind über 1.500 Frauen und Männer mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet worden.

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Die Laudatio von Ministerpräsident Armin Laschet im Wortlaut

(es gilt das gesprochene Wort)
 
Sehr geehrte, liebe Frau Dr. Lasker-Wallfisch,
 
es ist mir eine besondere Ehre und Freude, Sie hier im Landeshaus zu begrüßen.
 
Zum ersten Mal sind wir uns im Mai 2006 in Essen begegnet. Schon damals habe ich Ihren Einsatz gegen das Vergessen, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung bewundert. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir uns erneut begegnen und dass wir Sie, verehrte Frau Lasker-Wallfisch, heute mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen auszeichnen können.
 
Seit seiner Stiftung im Jahr 1986 haben rund 1.500 Bürgerinnen und Bürger diesen Orden für ihre besonderen Verdienste um das Land und seine Bevölkerung bekommen. Angesichts von etwa 18 Millionen Einwohnern und eines Zeitraums von 32 Jahren wird deutlich: Es ist eine seltene Auszeichnung, mit der ganz besondere Persönlichkeiten geehrt werden.
 
Und eine ganz besondere Persönlichkeit, das sind Sie ohne Zweifel.
 
Seit vielen Jahren geben Sie Ihre Erfahrungen und Erinnerungen weiter, in Büchern und Interviews, Sie gehen an Schulen, zum Beispiel in Köln, in Bonn, in Lohmar, Sie halten Vorträge, so noch in diesem Jahr bei der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln.
 
Morgen werden Sie im EL-DE Haus, dem Kölner NS-Dokumentationszentrum, lesen. Ich bin sicher: Die Zuhörerschaft wird auch diesmal gebannt und tief bewegt zuhören.
Denn über Sie oder von Ihnen zu lesen, ist das Eine. Aber die Autorin von „Ihr sollt die Wahrheit erben“ selbst erzählen zu hören, die Vergangenheit so greifbar nahe werden zu lassen, das ist noch einmal etwas Anderes. Das macht die Begegnung mit Ihnen zu einem unvergesslichen, eindrucksvollen Erlebnis.
 
In Ihrer beeindruckenden Rede am 31. Januar im Bundestag (zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus) haben Sie gesagt, ich zitiere: „Ich bin eine der rapide verschwindenden Augenzeugen der damaligen Katastrophe.“
 
Diese Katastrophe, von der Sie in Ihrem Buch, in Ihren Interviews, bei Ihren Besuchen und Vorträgen berichten, traf die Breslauer Familie Lasker nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit voller Wucht.
 
Der Vater war Rechtsanwalt und Notar am Oberlandesgericht, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, Träger des Eisernen Kreuzes, die Mutter eine hervorragende Geigerin, und auch die junge Anita Lasker und ihre beiden Schwestern lernten ein Instrument zu spielen.
 
Sie, liebe Frau Dr. Lasker-Wallfisch, haben gesagt, dass in Ihrer Familie am Sonntag ausschließlich Französisch gesprochen wurde und dass Sie diese Regel gar nicht mochten.
 
Eine durch und durch bürgerliche, kultivierte Familie also, ein scheinbar sicherer Teil der deutschen Kulturnation.
 
Ihr Vater hielt es ja auch lange für undenkbar, dass in diesem Deutschland die Menschen jüdischen Glaubens in die verzweifelte Lage völliger Rechtlosigkeit geraten könnten, mehr noch, dass man sie gleichsam für vogelfrei erklärte, dass man sie systematisch verfolgte.
 
Und als klar wurde, dass genau dieses Undenkbare geschah, war es bereits zu spät. Auswanderungsversuche des Vaters scheiterten, 1938 sollte es nach Italien gehen, aber das Ergebnis war nur, dass sämtliche Möbel der Familie verloren waren. Sie steckten in Breslau fest.
 
Nur Ihre älteste Schwester konnte entkommen, doch beide Eltern wurden deportiert. Sie haben von ihnen nie wieder gehört. Sie und Ihre jüngere Schwester wurden zur Zwangsarbeit verurteilt, in einer Papierfabrik. Sie versuchten dort, französischen Kriegsgefangenen durch gefälschte Papiere zur Flucht zur verhelfen, machten selbst im September 1942 einen Fluchtversuch und wurden noch in Breslau verhaftet.
 
Es wirft ein Schlaglicht auf die Grausamkeit der damaligen Zeit, dass die anschließenden Verurteilungen zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen für Sie als Jüdinnen noch als Glücksfall gelten konnte. Denn diese Strafen ersparten Ihnen die sofortige Deportation in ein Konzentrationslager.
 
Aber dann, 1943, wurden sie im Alter von 17 Jahren als „Karteihäftling“ nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Kraft zu überleben gaben Ihnen Ihre Schwester und die Musik. Sie waren Teil einer Gruppe von elf Musikerinnen des Mädchenorchesters von Auschwitz. Das rettet Ihnen und Ihrer Schwester das Leben.
 
1944 wurden Sie in einem Viehwagen in das Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert.
 
Sie haben gesagt: „Zu der Frage, ob es in Belsen besser war, kann ich nur eines sagen: Es war anders. In Auschwitz hat man Menschen auf die raffinierteste Weise en gros ermordet. In Belsen ist man ganz einfach krepiert.“
 
Wer könnte nicht verstehen, dass Sie sich nach der Befreiung geschworen haben, nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen? Sie gingen nach Großbritannien und haben 1948 das „English Chamber Orchestra“ in London mitbegründet.
 
Ihr Buch beginnt mit dem Satz:
„Ich hatte niemals ein großes Bedürfnis, über meine Erlebnisse zu sprechen.“ Liebe Frau Lasker-Wallfisch: Ich danke Ihnen dafür, dass Sie dennoch genau dies tun. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie – in Ihren eigenen Worten – „eidbrüchig“ geworden und doch wieder nach Deutschland gekommen sind. Dass Sie seitdem unermüdlich und eindringlich Ihre Lebensgeschichte weitergeben.
 
Ihre Lebensgeschichte zeigt, wohin es führen kann, wenn ganze Gruppen von Menschen zuerst stigmatisiert und ausgegrenzt und schließlich vollkommen entrechtet werden.
 
Sie zeigt uns Nachgeborenen ganz besonders, warum wir die zentrale Lehre aus dem Nationalsozialismus und der Shoa niemals vergessen dürfen. Der Artikel 1 des Grundgesetzes hält diese Lehre fest: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
 
Sie, liebe Frau Lasker-Wallfisch, haben Zeugnis davon abgelegt, was passiert, wenn diese Würde angetastet wird. Wie schnell daraus eine humane Katastrophe entstehen kann.
 
„Ihr sollt die Wahrheit erben“, so heißt Ihr Buch. Die Wahrheit zu erben, von den Zeitzeugen, das soll und muss für uns auch eine Verpflichtung sein. Wir sind verpflichtet, die Erinnerung lebendig zu halten. Damit nicht wieder Katastrophen geschehen.
 
Hier im Landeshaus hat vor einer Woche Mevlüde Genc gesprochen. Auch sie steht für die Kraft der Erinnerung und der Versöhnung. Auch ihr und ihrer Familie hat man versucht, die Würde zu nehmen. Die Würde eines sicheren Lebens in Deutschland. Sie und ihre Familie wurden Opfer eines Anschlages.
 
Nicht eines staatlich organisierten Anschlags wie in der Nazi-Diktatur zwischen 1933 und 1945, sondern von einzelnen Tätern im Jahre 1993, in einem demokratisch verfassten Rechtsstaat.
 
Aber diese Täter handelten doch nicht nur als isolierte Einzelne. Sie handelten in einem Klima, in dem sie sich ermuntert fühlten.
 
Und diese Gefahr, dass Täter sich ermutigt fühlen, andere Menschen anzugreifen wegen ihres Aussehens, ihrer Religion, ihrer Überzeugungen, ist weder 80 Jahre nach der Reichspogromnacht noch 25 Jahre nach Solingen überwunden.
 
Es haben nicht alle die historischen und menschlichen Lektionen des 20. Jahrhunderts verstanden. Manche, so scheint mir, wollen sie gar absichtlich vergessen.
 
Unser gesellschaftliches Klima ist auch heute noch zu wenig von Verständigung und zu oft von dem Beharren auf Unterschieden geprägt.
Es ist belastet durch zu viel Feindseligkeit, durch Gewalt, Rassismus, Antisemitismus.
 
Es ist eine große, dauernde und nur gemeinsam zu leistende Aufgabe, diese schlimmen Belastungen zu verringern.
 
Als Land tun wir das zum Beispiel durch solche Leseveranstaltungen, bei denen wir uns 2006 kennen gelernt haben. Wir tun das auch dadurch, dass wir die internationale Begegnung von jungen Menschen fördern, insbesondere von jungen Deutschen und Israelis. Insbesondere auch von jungen Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte. Denn die deutsche Geschichte ist auch Teil ihrer Geschichte, aus der sie lernen müssen. Aus dem Guten, das es zu bewahren gilt, und aus dem Bösen, das sich niemals wiederholen darf. Für beides stehen wir alle gemeinsam in der Verantwortung.
 
Sie, sehr geehrte Frau Lasker-Wallfisch, haben über viele Jahre Ihren großen Beitrag dazu geleistet, damit das Klima in unserer Gesellschaft nicht mehr von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt belastet wird.
 
Dafür danke ich Ihnen von Herzen und zeichne Sie heute mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen als sichtbarem Zeichen der Anerkennung durch unser Land aus! Und ich danke Ihnen dafür, dass Sie diesen Orden unseres Landes annehmen. Sie ehren dadurch auch unser Land!

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