Gewalterfahrungen als Ursache für Depressionen bei Frauen

Porträtfoto von Ministerin Barbara Steffens
25. November 2015

Ministerin Steffens: Gewalterfahrungen als Ursache für Depressionen bei Frauen unterschätzt

Fachtagung „Geschlecht, Gewalt, Depression“

Häusliche Gewalt und andere Gewalterfahrungen beeinträchtigen auf vielfältige Weise die Gesundheit von Frauen. Unter anderem kann Gewalt Auslöser für Depressionen sein, aber das wird oft nicht erkannt.

 
Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter teilt mit:

Häusliche Gewalt und andere Gewalterfahrungen beeinträchtigen auf vielfältige Weise die Gesundheit von Frauen. Unter anderem kann Gewalt Auslöser für Depressionen sein, aber das wird oft nicht erkannt. „Ärztinnen und Ärzte müssen geschult werden, die gesundheitlichen - vor allem auch psychischen Folgen - von Gewalt besser zu erkennen und entsprechend zu handeln“, erklärte Gesundheits- und Emanzipationsministerin Barbara Steffens am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen zur Eröffnung der Fachtagung „Geschlecht, Gewalt, Depression“ des Kompetenzzentrums Frauen und Gesundheit NRW.
 
Laut Weltgesundheitsorganisation haben von Gewalt betroffene Frauen ein zwei- bis dreifach höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken, als Frauen ohne Gewalterfahrungen. Umgekehrt haben depressive Frauen ein doppelt so hohes Risiko Gewalterfahrungen in einer Partnerschaft zu erleben.
 
Eine zu späte oder falsche Behandlung kann zu jahrelangen chronischen Beschwerden und schlimmstenfalls zum Suizid führen. Deshalb bietet das vom Land finanzierte Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit in zurzeit fünf Regionen in Nordrhein-Westfalen (Bielefeld, Wuppertal, Kreis Bergisch Gladbach, Kreis Neuss und Kreis Siegen) ein Programm zur gewaltinformierten Gesundheitsversorgung Gewinn Gesundheit® an. Im Rahmen von Fortbildungen und Fachveranstaltungen wurden bereits über 130 Ärztinnen und Ärzte für den besonderen Versorgungsbedarf gewaltbetroffener Frauen sensibilisiert. „Erst wenn eine vorhandene Gewaltbelastung frühzeitig von einer Ärztin oder einem Arzt erkannt und einfühlsam angesprochen wird, kann die Patientin die medizinische Versorgung erhalten, die sie wirklich braucht“, sagt Marion Steffens, die gemeinsam mit Prof. Claudia Hornberg das Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW leitet.
 
Zu oft jedoch werden die Betroffenen noch vorrangig mit Antidepressiva und weiteren Psychopharmaka behandelt. Dauerhafte Medikation bekämpft die Symptome, führt aber allein nicht zur Heilung. „Wir müssen die psychosomatischen Versorgungsangebote in Nordrhein-Westfalen den Bedarfen entsprechend ausbauen - insbesondere für traumatisierte Frauen - und alternativen Behandlungsmethoden sowie der ,sprechen­den Medizin‘ mehr Chancen einzuräumen. Dabei müssen wir auch Flüchtlingsfrauen im Blick haben, die im Heimatland oder auf der Flucht Gewalt erlebt haben“, so Ministerin Steffens.
 
Laut internationalen Studien machen depressive Symptome fast 35 Prozent der Krankheitsbelastungen durch Gewalt aus. Die Studienergebnisse legen nahe, dass die Zahl von Depressionserkrankungen und Suizidfällen verringert werden könnten, wenn Frauen besser vor Gewalt geschützt würden. Auch für Kinder und Jugendliche gilt: Opfer häuslicher Gewalt zeigen häufiger Symptome einer Depression.
 
Neben dem Gesundheitsbereich leisten auch Frauenhäuser einen wichtigen Beitrag, Depressionen als Gewaltfolge zu vermeiden. Vom Leben im Frauenhaus und von den Schicksalen der Bewohnerinnen erzählt die Fotoausstellung der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW „Auf der Schwelle – Leben im Frauenhaus“. Sie wird heute im Ministerium von Staatssekretärin Martina Hoffmann-Badache eröffnet und gewährt mit Bildern der Fotografin Brigitte Kraemer einen authentischen Blick hinter sonst verschlossene Türen. Interessierte können die Ausstellung im Ministerium bis zum 4. Dezember 2015, montags bis freitags von 08.00 Uhr bis 16.00 Uhr im Foyer der vierten Etage besuchen.

Hintergrund

  • Jede dritte Frau in Deutschland ist von sexueller und /oder körperlicher Gewalt betroffen.
  • Rund 13 Prozent der weiblichen Bevölkerung in NRW wurden 2014 mit der Diagnose Depression ambulant behandelt (Männer: 6 Prozent).
  • 68.000 Menschen waren 2013 in NRW wegen akuter oder wiederkehrender Depressionen in stationärer Behandlung, davon waren 61 Prozent Frauen (ca. 41.500 Patientinnen).
  • die stationären Behandlungszahlen depressiver Menschen haben sich zwischen 2000 und 2013 in NRW fast verdreifacht.
  • Antidepressiva-Verordnungen haben sich bundesweit in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW

  • Kooperationsgemeinschaft der Universität Bielefeld, Fakultät Gesundheitswissenschaften, und GESINE-Netzwerk Gesundheit.EN- Intervention gegen häusliche Gewalt
  • wird seit 2012 vom Land mit jährlich rund 200.000 Euro finanziert, für 2015 stehen rund 250.000 Euro und für 2016 knapp 427.000 Euro zur Verfügung
  • Ziele des Kompetenzzentrums sind unter anderem die Sensibilisierung des Gesundheitswesen für frauenspezifische Konzepte, der Aufbau von Netzwerken sowie Vernetzung von Gesundheitswesen und Sozial- und Frauenberatung

Frauenhäuser und Beratungsstellen

  • Die Landesregierung hat die Finanzierung für Maßnahmen zum Schutz und zur Hilfe für gewaltbetroffene Frauen von rund 11,6 Millionen Euro pro Jahr (2010) auf über 17 Millionen Euro (2015) pro Jahr erhöht. Speziell für Frauenhäuser wurde die Finanzierung dabei um rund 50 Prozent erhöht (von 5,43 Millionen Euro auf 8,27 Millionen Euro pro Jahr).
  • Neben den 62 Frauenhäusern fördert das Land auch 58 allgemeine Frauenberatungsstellen, 47 Fraueninitiativen gegen sexualisierte Gewalt (sogenannte Frauen-Notrufe), acht spezialisierte Beratungsstellen gegen Menschenhandel und zwei Beratungsangebote zu Zwangsheirat.

Beratung und Hilfe für traumatisierte Flüchtlingsfrauen

  • NRW hat ein bundesweit bisher einmaliges Förderkonzept für Beratungs- und Therapieangebote für traumatisierte weibliche Flüchtlinge erarbeitet.
  • Für 2015 stehen für die Förderung entsprechender Beratungs- und Hilfeprogramme 900.000 Euro bereit.
  • Das „Deutsche Institut für Menschenrechte“ hat die Angebote im Rahmen des Förderprogramms in seinem Policy Paper „Effektiver Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt – auch in Flüchtlingsunterkünften“ von August 2015 als beispielhaft vorgestellt.
     

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