Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren: Eröffnungsrede Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik

30. Januar 2012

Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren: Eröffnungsrede Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik

Ich begrüße herzlich die Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen, aus Deutschland und der Welt an der 3. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik

Eröffnungsrede
Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren
Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik
30. Januar 2012
World Conference Center Bonn


1. Begrüßung

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister (Nimpsch, Bonn)
Sehr geehrter Herr Lalonde (Exekutive-Koordinator der UN für Rio+20 – Keynote 1)
Sehr geehrter Herr von Braun (Direktor ZEF – Keynote2 ),
Sehr geehrte Frau Demassieux (UNEP – Keynote 3)
Sehr geehrte Frau Shiva (Navdanya India - Podiumsdiskussion)
Sehr geehrter Herr Opitz (KfW - Podiumsdiskussion)
Exzellenzen
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
meine sehr geehrten Damen und Herren

2. NRW als Land mit globaler Verantwortung

Ich begrüße herzlich die Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen, aus Deutschland und der Welt an der 3. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik

Nordrhein-Westfalen ist ein weltoffenes Land. Ein Land mit internationaler Ausrichtung. Ein Land, in dem überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund leben und arbeiten. Wir tun viel, damit Integration gelingt.

Auch in der Landesverwaltung, die eine bemerkenswerte Quote von 12 % Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einer Zuwanderungsgeschichte hat, wie wir aus allerneuesten Erhebungen wissen.

NRW ist auch ein Land mit einer entwicklungspolitischen Tradition, die bis auf die früheren Ministerpräsidenten Heinz Kühn und Johannes Rau zurückgeht.

Aber natürlich leben wir nicht nur von der Tradition, sondern haben auch eine entwicklungspolitische Praxis hier und heute, die sich sehen lassen kann.

Wir sind unbestritten die Nr. 1 unter den deutschen Bundesländern und erbringen rund 40 % der ODA (Official Development Assistance ) der deutschen Länder.

Also ein überproportionales Engagement, quantitativ und qualitativ.

Wir sind bereit, auch in Zukunft entwicklungspolitische Verantwortung zu übernehmen. Deshalb haben wir eine neue Eine-Welt-Strategie entwickelt mit den 5 Handlungsfeldern Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Bürgerschaftliches Engagement und Governance.

Heute Nachmittag um 15:00 h werde ich Ihnen diese Strategie näher vorstellen und mit Ihnen darüber diskutieren.

3. Die Bonner Konferenz

Meine Damen und Herren,
zu den entwicklungspolitischen Aktivposten Nordrhein-Westfalens gehört auch die Bonner Konferenz
für Entwicklungspolitik.

Sie ist ein relativ neues Format, das sich rasch am „Markt“ etabliert hat.

Dieses Konferenzformat wird dem Bedürfnis gerecht, in Deutschland einen Ort zu schaffen, an dem mit einer gewissen Regelmäßigkeit der entwicklungspolitische Diskurs in einem großen Rahmen stattfinden kann, mit nationalen und internationalen Expertinnen und Experten.

Wir haben dafür mit der Bundesstadt Bonn einen Ort gewählt, der wie keine andere Stadt in Deutschland entwicklungspolitische Kompetenz verkörpert - mit einer Vielzahl nationaler und internationaler Institutionen und Organisationen.

Ich muss das nicht näher ausführen, denn darauf wird der Oberbürgermeister dieser Stadt, der nach mir spricht, gewiss ausführlich eingehen.

Die Landesregierung steht mit der Bonner Konferenz nicht allein: Wie in allen unseren entwicklungspolitischen Aktivitäten setzen wir auch hier auf Partnerschaft und Kooperation.

Die Stadt Bonn, das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE), der Verband der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (VENRO) und in diesem Jahr – des Konferenzthemas wegen – auch das „Center for Sustainable Production and Consumption“ (CSCP) sind Mitveranstalter der Konferenz.

Die Deutsche Welle und der Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft unterstützen uns. Auch das BMZ wirkt in mehrfacher Weise mit.

Wir haben in diesem Jahr erstmals entwicklungspolitischen Institutionen und Organisationen die Möglichkeit gegeben, unter dem Dach der Konferenz eigene Workshops zu den verschiedenen Facetten des Konferenzthemas anzubieten.

Insgesamt rund 30 entwicklungspolitische Stakeholder sind durch Workshops oder Stände auf dem „Marktplatz“ aktiv beteiligt.

Die Konferenz wird damit ihrem Anspruch gerecht, ein Ort zu sein, an dem sich die entwicklungspolitische Elite Deutschlands trifft und in all ihren Facetten präsentiert.

Ein Ort des Dialogs und des fachlichen Diskurses.

Ich möchte an dieser Stelle allen Akteuren, die sich beteiligen und damit zum Erfolg der Veranstaltung
beitragen, einen herzlichen Dank für ihr Engagement sagen.

Meine Damen und Herren,
wir haben uns auf dieser Konferenz, und das unterscheidet uns von den früheren Bonner Konferenzen für Entwicklungspolitik, um ein nachhaltiges Veranstaltungsmanagement bemüht.

Das heißt ein Catering ohne Fisch und Fleisch, ein möglichst geringer Papierverbrauch, ein Ausgleich für die CO2-Emissionen der Konferenz, den wir über die kirchliche Agentur „Klimakollekte“ erbringen.

Wir wollen möglichst konsequent sein im Hinblick auf das Konferenzthema und auf unsere globale Verantwortung.

Und damit bin ich schon bei den Inhalten unserer Drittten Bonner Konferenz.

4. Das Thema „Globale Lebensstile – neue Wege für die Entwicklungspolitik

Meine Damen und Herren,
wir haben, wie in den Vorjahren, etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet. Dass es nun über 800 Anmeldungen gibt - und offenbar, wenn ich hier in die Runde schaue, sind die meisten auch hier -zeigt, dass das Konferenzthema „Globale Lebensstile – neue Wege für die Entwicklungspolitik“ auf ein hohes Interesse stößt. Es trifft den Nerv der Zeit.

Leider gab es, was unsere Referenten angeht, einige zum Teil sehr kurzfristige Absagen, die uns gezwungen haben, das Konferenzprogramm anzupassen.

Aber die große Linie ist geblieben und wir haben heute und morgen eine große Zahl erstklassiger Experten – Frauen und Männer aus verschiedensten Ländern und Kulturen der Welt - zu Gast.

Meine Damen und Herren,
unter dem Dach des Konferenzthemas werden viele interessante Fragestellungen diskutiert, von denen ich
nur einige wenige Aspekte herausgreifen will.

Eine zentrale Frage, die sich durch die ganze Konferenz hindurchzieht, ist:
Wie wirken sich Lebens- und Konsumstile in den reichen Industrie- und Dienstleistungsstaaten auf die Entwicklung in den Ländern des Südens aus?

Vieles darüber ist bekannt, zumindest den Fachleuten. Aber vieles rückt erst allmählich in den Fokus der entwicklungspolitischen Disskussion.

Manches wird verdrängt oder bagatellisiert, wie zum Beispiel die virtuellen Wasserimporte, die an Lebensmitteln, Blumen, Schmuck und Textilien aus Ländern des Südens hängen. Auch dann, wenn sie fair produziert und gehandelt werden.

Oder die Spuren von Bürgerkrieg und schlimmsten Formen der Ausbeutung von Mensch und Natur, die unsichtbar an den für uns so unentbehrlich gewordenen Kommunikationsgeräten von Handy bis I-Phone kleben.

Unsere Ernährungsweisen und unsere Mobilität, unser energie- und ressourcenintensives Konsumverhalten, dies alles hat eklatante Auswirkungen auf das Nahrungsangebot, die Landnutzung und den Naturhaushalt in Entwicklungs- und Schwellenländern

Besonders evident ist das bei den existenzbedrohenden Klimafolgen für die tropischen und subtropischen Zonen

Aber es geht nicht nur um Ökologie. Der Begriff „ökologischer Fussabdruck“ ist allen geläufig, aber es gibt auch einen „sozialen Fussabdruck“, der nicht minder folgenschwer ist.

Auch wenn es beim Konsumverhalten des Einzelnen auf den ersten Blick nur um tagtägliche Kleinigigkeiten geht, sind die kollektiven Auswirkungen unübersehbar.

Diese Wirkungen konterkarieren viele entwicklungspolitische Anstrengungen. Deshalb sind Lebensstile und Konsumgewohnheiten eine Herausforderung für die Entwicklungspolitik, vor allem dann, wenn wir sie nicht singulär, sondern systemisch begreifen.

Aber es wäre zu kurz gedacht, hier nur einseitige Wirkungen zu sehen . Unsere Lebensstile, unsere
Ansprüche an Konsum strahlen aus auf die aufstrebenden Mittelschichten in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern.

Seit Oktober vergangenen Jahres leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Bis 2030 wird es eine weitere Milliarde neuer Konsumenten geben, die auch über eine gewisse Kaufkraft verfügen.

Sie wollen leben und konsumieren, wie wir es ihnen vormachen. Wir haben weder das Recht noch die
Möglichkeit, es ihnen zu verwehren.

Das ist eine Herausforderung für die Politik, aber auch für Unternehmen mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Meine Damen und Herren,
die Debatte über eine globale Zukunftsperspektive kann nicht geführt werden, ohne das Thema Wachstum zu diskutieren.

Ist ein wachstumsbasiertes Entwicklungsparadigma, wie es von der EU und vielen Regierungen und Entwicklungsbanken propagiert wird, wirklich förderlich, um zentrale entwicklungspolitische Ziele wie die Überwindung von Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit auch tatsächlich zu erreichen?

Wie wirkt sich Wachstum auf soziale Disparitäten aus?

Wie kann ein intelligent gesteuertes, qualitatives Wachstum denen zu Gute kommen, die Armut, Hunger und Erwerbslosigkeit überwinden wollen? Ist die „Green Economy“ dafür eine Lösung?

Ein weiterer wichtiger Punkt: Das Thema Hunger und Ernährungssicherheit. Dieses Thema bewegt die Entwicklungspolitik seit eh und je. Aber angesichts der scheinbaren Erfolglosigkeit der Strategien zur Überwindung des Hungers hat die Diskussion eine neue Dimension erreicht.

Die Tatsache, dass es fast 1 Milliarde Menschen gibt, die Mehrzahl davon Frauen und Kinder, die sich nicht ausreichend ernähren können und dadurch von Krankheit und Tod bedroht sind, ist eine ständige Herausforderung für eine globale Entwicklungs- und Landwirtschaftspolitik.

Lebensmittelspekulationen führen zu künstlicher Verknappung und zu Preisentwicklungen, die für die
Ärmsten der Armen den Kauf von Nahrungsmitteln unerschwinglich machen.

Gleichzeitig wird ihnen durch Zweckentfremdung von Anbauflächen, Landgrabbing und Klimaveränderungen die Möglichkeit zur Subsistenzwirschaft weggenommen.

Unsere Konsummuster sind ein Teil des Problems, aber sie können auch ein Teil der Lösung sein.

Meine Damen und Herren,
wir werden diese spannenden Fragen heute und morgen mit profilierten Fachleuten diskutieren. Dabei wird es viele Kontroversen geben.

Aber genau das wollen wir auf dieser Konferenz:
Keine Show-Veranstaltung zum Repräsentieren, sondern einen echten, lebendigen Diskurs, der die Dialektik der Themen entfaltet und hoffentlich auch Ansätze für neue Perspektiven bringt.

Es kann am Ende nur Lösungen geben, die auch uns die Bereitschaft zur Veränderung abverlangen. Die
Bereitschaft, das, was wir für ein „gutes Leben“ halten, in Frage zu stellen.

Und vielleicht auch aus anderen Kulturen zu lernen, dass „buen vivir“ nicht unbedingt etwas mit dem monatlichen
Umsatz der Kreditkarte zu tun hat.

Ein Rekurs auf Erich Fromms Thesen zum Massenkonsum und sein berühmtes Werk „Haben oder Sein“ von 1976 kann da durchaus hilfreich sein
.
Wir müssen gemeinsam auf die Suche nachentwicklungsfreundlichen globalen Lebensstilen gehen, die ein Mehr an Überlebenschancen und Lebensqualität für das Gros der Bevölkerung in den Ländern des Südens bringen, ohne das wir in den reichen Industriestaaten deshalb zurück in die Zeiten vor der ersten industriellen Revolution katapultiert werden.

5. Abschluss

Meine Damen und Herren,
die Zeit erlaubt es nicht, auf alle Facetten des großen Konferenzthemas einzugehen. Das ist auch nicht nötig,
weil viele hervorragende Expertinnen und Experten auf ihren Einsatz heute und morgen warten.

Erlauben Sie aber noch eine grundlegende Betrachtung zum Abschluss.

Wir stehen am Anfang des Jahres 2012, dem Jahr von Rio+20.

Zusammen mit dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos und dem Weltsozialforum in Porto Alegre, die beide gestern
zu Ende gingen, bildet die Bonner Konferenz den Auftakt für das Konferenzjahr 2012.

Ich erwarte von dieser Konferenz, dass es gelingt, den internationalen Nachhaltigkeitsdiskurs und die
entwicklungspolitsche Debatte zusammenzuführen.

Rio+20 und die Zukunft der Milleniumentwicklungsziele gehören zusammen.! Die Initative „Millenium Consumption Goals“, die Professor Munasinghe hier vorstellen wird, kann einer der Schlüssel dazu sein, diese beiden Stränge zusammenzuführen.

Als Entwicklungspolitiker dürfen wir die Erwartung an Mr. Lalonde richten, der den Rio+20-Gipfel als Executive Coordinator vorbereitet, dass dort nicht nur die Ökologie im Vordergrund steht, sondern auch die Entwicklungspolitik, die ja immer auch eine „Weltsozialpolitik“ ist, eine gebührende Rolle spielen wird.

Nur wenn wir Nachhaltigkeit und Entwicklung zusammen denken und zusammen in die Praxis umsetzen, kann eine tragfähige globale Perspektive entstehen.

In diesem Sinne wünsche ich dieser Konferenz einen erfolgreichen Verlauf und uns allen
anregende Impulse und Debatten auf hohem Niveau.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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