Minister Remmel: „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur zu löschen“

31. August 2012

Minister Remmel: „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur zu löschen“ / Umweltminister Remmel informiert sich im Rahmen seiner Naturerbetour über alte Obstsorten in Bielefeld und die erfolgreiche Renaturierung eines Bachlaufs im Furlbachtal

Rund 45 Prozent der Tier- und Pflanzenarten in Nordrhein-Westfalen stehen auf der Roten Liste – sie sind entweder gefährdet oder bereits ausgestorben. Mit seiner Naturerbetour will Umweltminister Remmel dieses Problem thematisieren. Heute besuchte der Minister auf Station sechs und sieben seiner Tour das „lebende Obstsortenmuseum“ in Bie­lefeld und das Furlbachtal – dort wurde ein Bachlauf erfolgreich renatu­riert.

Das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz teilt mit:

Rund 45 Prozent der Tier- und Pflanzenarten in Nordrhein-Westfalen stehen auf der Roten Liste – sie sind entweder gefährdet oder bereits ausgestorben. Mit seiner Naturerbetour will Umweltminister Remmel dieses Problem thematisieren. Heute besuchte der Minister auf Station sechs und sieben seiner Tour das „lebende Obstsortenmuseum“ in Bie­lefeld und das Furlbachtal – dort wurde ein Bachlauf erfolgreich renatu­riert.

Heutzutage finden weniger als 20 Apfelsorten den Weg in unsere Lä­den. Vor rund 100 Jahren waren es noch über eintausend Apfelsorten, die in Deutschland mehr oder weniger verbreitet, angebaut und geges­sen wurden. „Wir verlieren bei unseren Obst- und Gemüsesorten die genetische Vielfalt und damit einen wichtigen Teil der sogenannten Agrobiodiversität“, ist die Sorge von Umweltminister Johannes Remmel. „Heutige, kommerziell genutzte Sorten, sind oft anfälliger für Krankhei­ten und Schädlinge. Die Verbraucher verlangen aber ‚makellose’ Früchte, ohne Schorfflecken oder Fraßstellen von Insekten. Die Folge ist ein massiver Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Nur durch den Er­halt einer breiten genetischen Basis behalten unsere Obstbauern und Obstbäuerinnen die Chance, sich auf künftige Herausforderungen wie den Klimawandel, einzustellen.“

Alte Obstsorten zu erhalten ist erklärtes Ziel des Obst-Arboretums Olderdissen in Bielefeld, das sogenannte „Lebende Obstsorten­museum“. Bei seinem Besuch auf der rund zwei Hektar großen Anlage konnte Minister Remmel 508 verschiedene Obstsorten besichtigen. „Ini­tiativen wie das Obstmuseum helfen uns, einen Teil der biologischen Vielfalt bzw. des Naturerbes zu bewahren“, so der Minister.

Die Ursachen für das Verschwinden alter Obstorten sind vielfältig: Lage­rung oder Verarbeitung von Obst in eigenen Gärten spielt heute zur Er­nährung keine Rolle mehr. Die Erzeugung hat sich stark konzentriert auf Regionen mit günstigen klimatischen Bedingungen, im Handel gefragt sind wenige einheitliche, transportfähige und damit marktfähige Sorten. Hinzu kommt ein stark spezialisierter Obstanbau weg von Hochstamm­kulturen hin zu intensiv genutzten Niederstamm-Plantagen. Mit dem Verschwinden von alten Obstsorten geht ein Verschwinden von Streu­obstwiesen einher, die früher rund um landwirtschaftliche Betriebe an­gesiedelt waren und heute nur noch ganz selten zu finden sind. Allein in den letzten 40 Jahren ist in Nordrhein-Westfalen ein Rückgang an Streuobstwiesen von 74 Prozent zu verzeichnen. Der Lebensraum Streuobstwiese ist in der „Roten Liste der gefährdeten und vom Aus­sterben bedrohten Biotoptypen“ aufgeführt.

„Alte Obstsorten und Streuobstwiesen sind auch ein wichtiger Teil von regionaler Kultur und Identität,“ ergänzte Remmel. „Die Sortenvielfalt und der Lebensraum Streuobstwiese sind Kulturgüter, die über Jahr­hunderte entstanden sind. Das spiegelt sich vor allem in vielen regiona­len Rezepten wieder, wie dem rheinischem Apfelkraut oder der Schmorbirne.“

Unter den 508 Obstsorten befinden sich allein 352 Apfelsorten, die teil­weise schillernde Namen tragen wie London Pepping, Gelbe Schafs­nase oder Prinz Albrecht. Die Anlage ist einmalig in NRW und soll in den nächsten Jahren auf rund 670 Obstsorten erweitert werden.

In Furlbach besichtigte Minister Remmel nach seinem Besuch im „le­benden Obstmuseum“ einen Bachlauf, der erfolgreich renaturiert wer­den konnte. Bis 1994 wurde ein zentraler Bereich des Furlbachtals noch eingenommen von den Betonbecken einer Fischzuchtanlage. Nach Auf­gabe der Anlage wurden die Betonbecken entfernt, der Furlbach konnte sich wieder seinen eigenen Weg bahnen. Das Ergebnis heute ist ein malerischer Bachlauf in einem wild-romantischen Schluchttal, in den angrenzenden Wäldern liegen naturnahe Moore.

„Nur noch rund zehn Prozent unserer Fließgewässer in Nordrhein-Westfalen können wir als natürlich bezeichnen, der Furlbach ist einer davon“ erklärte Umweltminister Remmel heute im Furlbachtal. „Zu ver­danken haben wir das in diesem Fall einer aufwändigen Renaturierung, die vom Kreis Gütersloh mit NRW-Mitteln und Unterstützung der Stadt­werke Bielefeld durchgeführt wurde.“

In der Vergangenheit wurden die meisten Gewässer in NRW begradigt, aufgestaut oder als Abwasserkanal genutzt. Darunter haben Flora und Fauna stark gelitten. Dies ist unter anderem Grund dafür, dass heute 45 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten auf der Roten-Liste NRW als ge­fährdet oder schon ausgestorben geführt werden.

Profitiert von der Renaturierung und den folgenden Naturschutzmaß­nahmen hat auch das Grundwasser im Furlbachtal, das zur Trinkwas­sergewinnung genutzt wird. „Naturschutz ist auch aktiver Gesundheits­schutz“, so Remmel. „Sauberes Grundwasser führt zu sauberem Trink­wasser und ist damit Grundlage für unser wichtigstes Lebensmittel.“ Der renaturierte Bereich des Furlbachtals hat sich seit Durchführung der Maßnahme zu einer natürlichen Bachlandschaft entwickelt, die viele Rote-Liste-Arten beheimatet wie das Bachneunauge, die Groppe oder die Bachforelle.

Noch bis in den Herbst wird Minister Remmel neben bekannten Natur­erbe-Zielen, wie etwa dem Nationalpark Eifel, auch das weniger be­kannte Naturerbe in den Fokus der Öffentlichkeit ziehen. Dazu gehören z. B. die Naturwaldzelle „Schiefe Wand“ im Sauerland oder die Lippe­auen in Hamm.

Hintergrundinformationen NRW-Naturerbe:

In NRW stehen schon jetzt rund 45 Prozent der Tier- und Pflanzenarten in der Roten Liste, sind entweder schon ausgestorben oder gefährdet. „Wir sind dabei die Festplatte unserer Natur zu löschen“, so Umweltmi­nister Remmel. Zum Schutz der Artenvielfalt verfügt NRW über rund 3000 Naturschutzgebiete, etwa 550 Gebiete des europäischen Schutz­gebietssystems „Natura 2000“ (8,4% der Landesfläche), einen National­park in der Eifel und 14 Naturparke. Bemerkenswert groß ist die Arten­vielfalt in Nordrhein-Westfalen mit über 40.000 verschiedenen Pflanzen- und Tierarten. Gleichwohl steht fast die Hälfte von ihnen auf der Roten Liste. Etwa 45 % der heimischen Tier-, Pilz- und Pflanzenarten sind in ihren Beständen gefährdet oder bereits ausgestorben. Von den insge­samt etwa 12.000 betrachteten Arten sind 42 % der Farn- und Blüten­pflanzen, 42 % der Säugetierarten, über 50 % der Vogelarten und 55 % der Schmetterlingsarten gefährdet oder ausgestorben.

Weitere Informationen zum Thema „NRW-Naturerbe“ und zur Naturer­betour des Ministers sind zu finden unter: www.naturerbe.nrw.de

Weitere Informationen über wertvolle Natur- und Vogelschutzgebiete, Naturparke, das Biotop-Kataster sowie den Zustand von Gewässern gibt es in der neuen Datenbank des Umweltministeriums "Umweltinformatio­nen vor Ort": www.uvo.nrw.de

Informationen zur Förderung von Streuobstwiesen sind zu finden unter: www.umwelt.nrw.de/naturschutz/pdf/streuobstwiesenschutz.pdf

Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Pressestelle des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, Telefon 0211 4566-719 (Wilhelm Deitermann).

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