"Mehr Kultur für Kinder"

8. August 2010

"Mehr Kultur für Kinder"

Die neue Kulturministerin Ute Schäfer sagt im Interview mit der Welt am Sonntag, was sie an der Kunstszene im Land schätzt und wie sie den armen Städten helfen will.

Es gab viel Lob für die Entscheidung der neuen rot-grünen Regierung, die Kultur wieder in ein Ministerium einzubinden. Der ehemalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hatte es vorgezogen, mit dieser wichtigen Aufgabe nur einen Staatssekretär zu betrauen. Seit gut drei Wochen leitet nun die SPD-Politikerin und ehemalige Schulministerin Ute Schäfer dieses Ressort im Verbund mit Familie, Kinder, Jugend und Sport. Im Gebäude des ehemaligen Wirtschaftsministeriums hat die Kulturministerin jetzt ihr Büro mit Panoramablick auf den Rhein. Die "Welt am Sonntag" traf eine Ministerin, die sich mit großer Neugierde, aber auch vorsichtig ihrer neuen Aufgabe nähert.

Welt am Sonntag: Im Gegensatz zum ehemaligen Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, der Kulturdezernent in Düsseldorf war, bevor er sein Amt antrat, kennt Sie in der Kunstszene kaum jemand. Ist das nicht schwierig für Sie?

Ute Schäfer: Es ist dann nicht schwierig, wenn man der Kultur im Rahmen seiner politischen Arbeit viel Platz einräumt. Und das werde ich. Erste fachliche Gespräche habe ich bereits geführt. Es werden noch viele folgen. Auch auf die ersten Termine wie die Ruhrtriennale bereite ich mich bereits intensiv vor.

Welt am Sonntag: Wofür Sie Fachkenntnisse brauchen.

Schäfer: Das stimmt. Deshalb lege ich großen Wert auf die Meinung der Fachabteilungen. Da gibt es Experten, die mich unterstützen werden. Dabei ist mir wichtig, dass die einzelnen Ressorts meines Ministeriums Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Hier sind alle Bereiche der außerschulischen Bildung zusammengeführt worden.

Welt am Sonntag: Mit dieser Definition wird die Szene aber nicht glücklich sein. Denn Kunst möchte vor allem eines nicht: instrumentalisiert werden.

Schäfer: Das werde ich auch nicht tun. Dennoch gehören Tanz, Musik, Schauspiel, Oper und Kunst auch in den Bereich der kulturellen Bildung. Das wird ein zentraler Schwerpunkt meiner Arbeit sein. Zum Beispiel wollen wir den Kulturrucksack, den wir ja bereits im Wahlprogramm verankert haben, im Schulterschluss mit den Kommunen realisieren. Ziel dabei ist, die Tür zur Kultur für Kinder und Jugendliche früh zu öffnen, indem sie selbst kreativ gestalten können und freien Eintritt zu Museen und Theatern haben. Dass die Kunst in NRW außerdem bereits heute eine große Strahlkraft auch über unser Land hinaus hat, muss ich wohl nicht erwähnen.

Welt am Sonntag: Es ist eher die Quantität, mit der NRW in den vergangenen Jahren nach Außen geglänzt hat, weniger die Qualität.

Schäfer: Diese Einschätzung teile ich nicht. Nehmen wir einmal das Tanztheater von Pina Bausch, das selbst nach dem Tod der Choreografin noch internationalen Ruf genießt. Auch die Ruhrtriennale und das neu eröffnete Museum Folkwang in Essen oder die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW können, gemessen an internationalen Maßstäben, durchaus mithalten. Oder das wunderbare regionale Literaturfest "Wege durch das Land". Die Kultur in NRW muss sich nicht verstecken. Auch wenn wir kein Bayreuth mit seinen Wagner-Festspielen und keine Salzburger Festspiele haben. Aber dafür haben wir eine sehr aktive und bewegte Kunstszene auch im soziokulturellen Bereich.

Welt am Sonntag: Was ist der Kernpunkt Ihrer Arbeit?

Schäfer: Eindeutig die kulturelle Bildung, das haben wir schon in unserem Koalitionsvertrag deutlich gemacht. Die frühkindliche Entwicklung ist eminent wichtig. Jedes Kind sollte lernen, dass Kultur zum Alltag jedes Menschen dazugehört. Kunst und Kultur dürfen keine Luxusgüter sein. Allerdings glaube ich, dass man grundsätzlich die Rolle des Landes in der Kulturpolitik realistisch einordnen muss. In Nordrhein-Westfalen wird der Hauptanteil der Kultur von den Kommunen getragen.

Welt am Sonntag: Das muss aber nicht für allezeit so sein. Sie könnten ja beispielsweise den Kulturetat noch einmal erhöhen - so wie es die CDU/FDP-Regierung gemacht hat.

Schäfer: (lacht ) Auch unter der früheren Landesregierung wurde trotz Erhöhung des Kulturetats der Hauptteil von den Kommunen getragen. Und eines kann ich versprechen: Es wird keine Kürzung bei der Kultur geben.

Welt am Sonntag: Sie könnten aber Synergien im eigenen Haus schaffen.

Schäfer: Das haben wir auch vor. Kulturelle Bildung lässt sich gut mit den anderen Bereichen koppeln.

Welt am Sonntag: Werden die klassischen Kunstbereiche jetzt in die zweite Reihe geschoben, und müssen sie um ihre Zuschüsse bangen?

Schäfer: Auf keinen Fall. Es wird keine Kürzungen geben. Im Gegenteil: Für den Kulturrucksack haben wir uns bei den Koalitionsvereinbarungen auf zusätzliche Mittel verständigt. Kultur ist wichtig für die Werteentwicklung und den Wandel einer Gesellschaft. Kunst ist oft unbequem und muss unbequem sein - das ist ihre Aufgabe. Und unsere Aufgabe ist, das zu ermöglichen, damit die Menschen wach und aufmerksam bleiben. Und das in allen Regionen unseres Landes.

Welt am Sonntag: In den vergangenen acht Jahren hat sich die SPD mit Kultur nicht gerade profiliert. Erst hatte sie das Ressort an den grünen Koalitionspartner abgegeben und dann während der CDU/FDP-Regierung kaum Oppositionsarbeit geleistet. Wie werden Sie das Profil Ihrer Partei in der Kultur wieder stärken?

Schäfer: Das habe ich anders wahrgenommen. In vielen Fragen der Kulturpolitik waren sich die Parteien in den vergangenen Jahren einig. Da macht es keinen Sinn, Oppositionsarbeit nur um der Opposition willen zu machen. Ich wünsche mir, dass das so weitergeht. Als SPD haben wir in den vergangenen Jahren mit unseren kulturpolitischen Leitlinien Akzente gesetzt. Darauf werde ich meine Arbeit aufbauen.

Welt am Sonntag: Ein Punkt in diesen Leitlinien, die Ihr Parteikollege Fritz Behrens ausgearbeitet hat, ist die finanzielle Sicherung von Kunst und Kultur in den Kommunen.

Schäfer: Dieses Ziel werden wir auch verfolgen. Wir wollen bei der anstehenden Gemeindefinanzreform die Einführung einer Kulturpauschale prüfen. Das würde bedeuten, dass ein fester Bestandteil der Finanzmittel, die in die Gemeinden fließen, ausschließlich für Kunst und Kultur ausgegeben werden darf.

Welt am Sonntag: Diese Idee ist nicht neu, ist aber bisher immer gescheitert. Warum sollte es diesmal klappen?

Schäfer: Nur weil es mal in der Diskussion war, heißt das ja nicht, dass man es nicht wieder auf die Agenda setzen sollte.

Welt am Sonntag: Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff hat in seinem ersten "Welt am Sonntag"-Interview auf die Frage: "Wo soll die NRW-Kultur 2010 stehen?" gesagt: "NRW soll ein klares Gegengewicht zu Berlin - und in der subjektiven Wahrnehmung - einem Land wie Bayern überlegen sein." Dieses Ziel ist nicht erreicht worden. Wie definieren Sie Ihr Ziel?

Schäfer: Diese Art von Konkurrenzdenken gefällt mir nicht. Wir müssen die Größe haben, zu respektieren, dass andere ihre gewachsenen Kulturregionen und über Jahrzehnte etablierten Kulturereignisse haben. Wir brauchen uns in NRW deshalb nicht zu verstecken. Wir sind das Bundesland des Aufbruchs - hier wurde der neue Tanz erfunden, hier hat Joseph Beuys die Kunst revolutioniert und hier hat Stockhausen seine Musik komponiert. Das sollte unser Selbstbewusstsein stärken.

Welt am Sonntag: Eigentlich schade, denn der Wettbewerb hat in den vergangenen Jahren die Kulturszene durchaus beflügelt. Vor diesem Hintergrund ist doch auch das Engagement für die Kulturhauptstadt 2010 zu sehen. Nun hat die Katastrophe von Duisburg einen schweren Schatten auf die Kulturhauptstadt geworfen.

Schäfer: Diese furchtbare Katastrophe wird sicherlich alle kommenden Veranstaltungen der Kulturhauptstadt begleiten. Doch man darf darüber nicht vergessen, dass die Kulturhauptstadt dem Ruhrgebiet wichtige Impulse gegeben hat, wie wenige Ereignisse zuvor.

Das Gespräch führte Christiane Hoffmans
Quelle: Welt am Sonntag, 08.08.2010

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