Ministerpräsident Rüttgers verleiht Siegfried Lenz den Lew-Kopelew-Preis

29. März 2009

Laudatio von Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers auf Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Lew-Kopelew-Preises am Sonntag, 29. März 2009, in Köln

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat den deutschen Schriftsteller Siegfried Lenz mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte ausgezeichnet. Rüttgers bezeichnete den 83-Jährigen als geschichtsbewussten, politischen und heimatverbundenen Schriftsteller, den sein „unerschrockenes Eintreten für Frieden und Menschenrechte und der Brückenschlag zu Osteuropa“ mit seinem russischen Kollegen Lew Kopelew verbinde.

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Lieber Herr Lenz,
Sie sind ein bedeutender Schriftsteller – nicht nur der Nachkriegs-, sondern auch der Gegenwartsliteratur.

In einem Interview erzählten Sie unlängst von einem Arzt. 
(In: „Der Zeit“ vom 8.5.2008)
Er hat Ihnen intensiv die Hand geschüttelt. Sie bekamen Angst.
Sie glaubten, er wollte sich von Ihnen verabschieden.
Für immer. Ein letztes Lebewohl!
Dabei hatte der Arzt nur seine Abiturarbeit über Sie geschrieben. Er hat sich gefreut, Sie zu sehen.

Zur Schullektüre zu werden, das ist eine besondere Ehre.
Der Grund dafür ist klar:
Sie haben Generationen von Deutschen Orientierung gegeben:
erklärend, mahnend und unterhaltsam.

Lieber Herr Lenz,
Sie haben gesagt, Sie schreiben, um das Leben zu lernen.
Für mich gilt: Ich lese, um das Leben zu lernen.
Und besonders gerne lese ich Ihre Werke.

Sie beeindrucken mich sehr:
Als der geschichtsbewusste, der politische,
der heimatverbundene Schriftsteller.

Siegfried Lenz als unverwechselbarer Autor

Die „Schweigeminute“, ihr neuestes Werk, ist ein Buch über eine große Liebe.
Es ist die Krönung Ihres Lebenswerks.
So hat es ein Kritiker formuliert.

Was ich an diesem Urteil interessant finde:
Es stammt von einem Kritiker,
der aus lauter Verzweiflung schon Bücher in Milch getränkt
und in die Mülltonne geschmissen hat. (Denis Scheck, Deutschlandfunk)
Er war froh, in dem Gewimmel der Neuerscheinungen  
Ihre Stimme herauszuhören.

Eine Stimme, die vertraut und fest klingt.
Die sich wohltuend ausnimmt in einer Zeit
voller Hektik,
voller Unverbindlichkeit
und Gleichgültigkeit. 

Lenz als geschichtsbewusster Schriftsteller

Es ist bezeichnend, dass Kritiker wehmütig werden
bei dem Ton, den Sie anschlagen.
Wieso? - frage ich.
Sind denn Anstand und Besonnenheit altmodisch geworden?

Sie fingen an zu schreiben,
nicht um die Kriegs-Erlebnisse aufzuarbeiten.
Sie wollten sie durchschauen.

Damit bin ich bei der „Deutschstunde“.
Dieser Roman ist ein Plädoyer.
für das Gewissen,
für die Eigenverantwortung
für das Infragestellen von Autoritäten.

Dieser Roman ist Beispiel dafür,
dass das Verständnis der Gegenwart nur durch das Verstehen der Vergangenheit möglich ist.
Und dass Anstand und Besonnenheit niemals altmodisch werden dürfen.

„Auf Erinnerung bestehen, kann mitunter Widerstand sein.“
Dieser Satz von Ihnen, dem geschichtsbewussten Schriftsteller, hat mir sehr imponiert.

Lenz als aktueller Gesellschaftskritiker

Sie haben uns mit klarem Blick durch die jüngere 
Geschichte Deutschlands geführt.

Mit Ihrem Roman „Fundbüro“ haben Sie den Finger in eine schwelende Wunde gelegt.
Es geht um Scheitern, Flucht und Verfolgung.
Es geht um Menschen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten. 
Menschen, die durch Fremdenhass bedroht werden.
Ihre Mahnung zu einem menschlicheren Umgang könnte heute nicht eindringlicher formuliert werden.

Wir leben in einer großen Krise.
Gerade in dieser Krise ist es wichtig, über unsere grundlegenden Werte zu reden.
Wir müssen die Einheit der Gesellschaft bewahren.
Sie darf nicht zerfallen
in Reich und Arm. In Ausgebildete und nicht Ausgebildete.
In Ost und West. In Einheimische und Zugewanderte.

Diese Einheit der Gesellschaft ist auch in Ihrem Werk, lieber Herr Lenz, ein zentrales Thema.
Auch deshalb schätze ich Ihre Arbeit so sehr.

Lenz als politische Schriftsteller

Sie sind ein demokratischer Erzieher.
In der Öffentlichkeit haben Sie sich für eine menschenwürdige Welt eingesetzt. 

Sie stammen aus Lyck, einem kleinen Ort in Masuren.
Masuren haben Sie literarisch oft gehuldigt.

Sie mahnten und mahnen:
Für die Versöhnung.
Für den Frieden.
Für die Völkerverständigung.

Sie sind für die Ostpolitik Willy Brandts eingetreten.
Sie haben ihn zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau begleitet.

Die Reaktionen waren heftig. 
Ihre Bücher hat man in Ihren Garten geworfen.
Verrat mussten Sie sich vorwerfen lassen.
Ihre Antwort darauf?
Sie ist in Ihrem Roman „Heimatmuseum“ nachzulesen.

Ein Heimatvertriebener zerstört in Schleswig-Holstein das „Heimatmuseum“, das er selbst gebaut hat.
Er weiß, wie wichtig das Gedächtnis ist.
Die Aufarbeitung des Verlustes.
Aber er will nicht, dass dieses Gedächtnis von Revanchisten vereinnahmt wird.

Lieber Herr Lenz,
Ihr unerschrockenes Eintreten für Frieden und Menschrechte,
der Brückenschlag zu Osteuropa, verbindet Sie mit ihrem langjährigen Freund Lew Kopelew.

Zusammen haben Sie osteuropäische Autoren unterstützt –
Autoren, die in ihren Heimatländern nicht veröffentlichen durften.
Lew Kopelew hat Kölner Schülern einmal den Grund erklärt: „Bücher können mehr erreichen als die Diplomatie.“

Die Werte des Humanismus und der Aufklärung stärken und verteidigen

Lieber Herr Lenz,
Sie haben mit Ihren Schilderungen der deutschen Verfasstheit vielen Menschen zu einem neuen Deutschlandbild verholfen.
Eines Deutschlands jenseits nationalistischer Enge,
jenseits verständnisloser Gleichgültigkeit.
Eines weltoffenen Deutschlands.
Und Sie haben gezeigt:
Wer seine eigene Kultur verleugnet, wird auch Menschen aus anderen Kulturen nicht verstehen.
Und sie deshalb auch nicht in die eigene Gesellschaft aufnehmen.

Es sind die Künstler, die Kreativen und die Schriftsteller, die uns nach vorne gebracht haben.
Menschen wie Sie, lieber Herr Lenz.
Kunst und Kultur haben unsere Welt verändert.
Unsere Sichtweisen. Unser Denken und Empfinden.

Aufgabe der Politik ist es heutzutage, unseren kulturellen Reichtum zu bewahren.
Wir müssen bewahren, was uns auszeichnet.
Was unsere geschichtliche Identität ausmacht.
Was uns Heimat bedeutet.
Und wir haben heute Grund, uns auf unsere kulturellen und religiösen Wurzeln zu besinnen.
Gerade angesichts der Wirtschaftskrise.
Nicht, um uns stolz über andere zu erheben.
Nicht, um das 20. Jahrhundert zu vergessen.

Mit seinen beiden Weltkriegen. Mit der Nazibarbarei.
Mit dem Holocaust. Mit den rechten wie linken Diktaturen.
Sondern um aufrecht zu gehen.

Gerade die Erfahrung von Diktatur und Völkermord zwingt, Klarheit zu schaffen.
Moralisch und ethisch.
Diese Erfahrung verbietet postmoderne Beliebigkeit.
Sie fordert ein klares Bekenntnis zu den Werten des Humanismus und der Aufklärung. 
Sie, lieber Herr Lenz, haben mit Ihrem Werk ein solches Bekenntnis immer wieder abgelegt.
Sie haben geholfen, dieses Menschenbild wieder zu einem deutschen Leitbild in Deutschland werden zu lassen.
Das Menschenbild des jüdisch-christlichen Abendlands und der Aufklärung immer wieder bewusst zu machen – das ist auch Aufgabe der Politik.
Ohne dieses Fundament können wir die Einheit der Gesellschaft nicht bewahren.
Wir müssen dieses Menschenbild deshalb weitergeben.
An unsere Kinder und Enkel.

Europa ist kein Kontinent. Europa ist ein Modell.

Lieber Herr Lenz, Sie haben der Welt und Europa gesagt, was Deutschland heute ist.
Deutschland ist Teil Europas. Nicht nur geographisch, sondern geistig und kulturell.

Europa ist kein Kontinent. Europa ist ein Modell.
Es steht für die Zusammenarbeit von Nationen, die als Rechtsgemeinschaft ihre Konflikte friedlich lösen.

Und es steht für die Verbindung einer liberalen Wirtschaftsordnung mit einer solidarischen Gesellschaftsordnung, von Marktwirtschaft und solidarischem Sozialstaat.
Das Europäische Modell steht dafür, dass wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit die zwei Seiten einer Medaille sind.
Ich bin überzeugt: Weder der Marktradikalismus noch der Staatskapitalismus werden in Zukunft erfolgreich sein.
Denn immer mehr Menschen fordern ein System, das wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Gerechtigkeit verbindet.

Hier liegt die große Chance des Europäischen Modells.
Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.

Lieber Herr Lenz, Sie sind häufig gefragt worden,
welche Auszeichnung für Sie am wichtigsten war.
Es ist angeblich die Ernennung zum „Ehren-Schleusenwärter“ in Hamburg.
Ihrer neuen Heimat. Nahe am Meer.

Ich hoffe, Sie freuen sich auch über diesen Preis.
Sie bekommen ihn als Dank für den wunderbaren Vorrat an Welt-Erfahrung, den Sie uns geschenkt haben.
Als Dank dafür, dass sie wie kein anderer deutscher Schriftsteller die Bedeutung von Geschichte, Heimat und Gemeinwohl gestärkt haben.

Ich wünsche uns, dass sie sich weiter einmischen.
Ich wünsche, dass Sie  Zeit finden,
einen Ihrer großen Lebensträume zu erfüllen.
Nämlich nach Alaska zu fahren,
um einen achtpfündigen Fisch zu fangen.

Und danach wieder einen wunderbaren Roman zu schreiben.

 

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