Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 2009 verliehen

16. November 2009

Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff verleiht Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 2009 an zwölf junge Künstlerinnen und Künstler und zwei Architektenduos

Den mit 7.500 Euro dotierten Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen hat Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhof heute im Düsseldorfer Tanzhaus zwölf jungen Künstlerinnen und Künstlern und zwei Architektenduos überreicht. Die Ehrung wird seit 1957 jährlich von der Landesregierung für überdurchschnittliche Begabungen im Bereich der Kunst vergeben.

Die Staatskanzlei teilt mit:

Den mit 7.500 Euro dotierten Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen hat Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhof heute (16. Novemer 2009) im Düsseldorfer Tanzhaus zwölf jungen Künstlerinnen und Künstlern und zwei Architektenduos überreicht. Im Rahmen des Festaktes sagte Grosse-Brockhoff: “Gerade in Zeiten einer stillen digitalen Revolution sollten wir uns immer wieder bewußt machen, welchen Reichtum unsere Künstler für unsere Gesellschaft darstellen. Jeder kann dazu beitragen, dass unser kulturelles Leben so bleibt wie wir es uns wünschen. Denn die beste Förderung von Kunst ist immer noch das Kaufen von Büchern und von Kunst, das Engagieren von Musikern, das Beauftragen von Architekten und der rege Besuch von Konzerten, Kinos und Theatern.” In diesem Sinne freue es ihn umso mehr, die hervorragenden Leistungen der diesjährigen Nachwuchs-künstlerinnen und -künstler zu würdigen.

Das Preisgeld soll den jungen Künstlern dabei helfen, besondere künstlerische Projekte zu verwirklichen und ihr Werk der Öffentlichkeit noch bekannter zu machen. Gewürdigt werden die Leistungen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Theater, Architektur und Medienkunst. Die Ehrung wird seit 1957 jährlich von der Landesregierung für überdurchschnittliche Begabungen im Bereich der Kunst vergeben. Die Preisträgerinnen und Preisträger sollten in der Regel nicht älter als 35 Jahre alt sein und müssen durch Geburt, Wohnsitz oder ihr Schaffen mit dem Land Nordrhein-Westfalen verbunden sein.

Ausgezeichnet werden:

In der Sparte „Malerei, Graphik, Bildhauerei“ der in Köln lebende Bildende Künstler Gereon Krebber und der in Düsseldorf lebende Bildende Künstler Martin Pfeifle,

in der Sparte „Dichtung, Schriftstellerei“ die Bielefelder Autorin Que Du Luu und der in Bonn gebürtige Autor Thomas Melle,

in der Sparte „Komposition, Dirigat, Instrumentalmusik“ der in Köln lebende Jazz-Pianist Bruno Böhmer Camacho und der in Münster lebende Pianist Alexej Gorlatch,

in der Sparte „Theater: Regie, Schauspiel, Gesang, Tanz, Bühnenbild“ der Düsseldorfer Choreograph Ben J. Riepe und die Musiktheater-Regisseurin Elisabeth Stöppler,

in der Sparte „Film: Regie, Bühnenbild, Kameraführung“ die in Köln lebenden Filmemacherinnen Anna Ditges und Lola Randl,

in der Sparte „Medienkunst“ die Kölner Medienkünstlerinnen Johanna Reich und Elizabeth Cortinas Hidalgo,

in der Sparte „Architektur, Innenarchitektur, Gartenarchitektur, Städtebau, Design“ zwei Architekten-Duos: Die Architekten des Büros “Format 21” Jonas Greubel und Daniel Schilp aus Eitorf sowie die Architekten des Kölner Architekturbüros “BFR Lab Cologne” Judith Reitz und Daniel Baerlecken.


Laudatio für den Jazz-Pianisten Bruno Böhmer Camacho

„Ein Emigrant weiß, dass seine Identität sein wertvollstes Erbe ist.

Wenn man in eine neue Kultur eintaucht, lernst man so viel und versteht gleichzeitig, dass man noch einen langen Weg zurücklegen muss. Wenn man den Weg geht, entdeckt man Tag für Tag die Wunder und Schätze dieser Welt. Aber wirklich zu einem Ort zu gehören;  sich nach den Geschmäckern und Gerüchen des Ortes zu sehnen, einen Zugang zur traditionellen Musik zu haben und die verborgensten Landschaften in der Erinnerung wieder zu besuchen. Zu wissen, dass all dies zu einem selbst gehört, kein Zweifel, ist das beste Vermächtnis, der größte Schatz, den man von seinen Vorfahren erhalten kann.

Es ist unsere Verantwortung, dieses wertvolle Erbe zu hegen und zu schützen, das unseren eigenen Nachkommen Kraft, Wohlergehen und Sicherheit bringen wird.“

Erstaunliche Worte für einen jungen Musiker. Doch Bruno Böhmer Camacho weiß, wovon er spricht. Mit 17 Jahren hat er seine Heimat Kolumbien verlassen, um in Deutschland zu studieren. Sein Bekenntnis zur Tradition, zu seinen Wurzeln hat er im Booklet seiner CD „Herencias“ - „Vermächtnisse“ festgehalten. Zu diesen musikalischen Vermächtnissen gehören die Kompositionen seines Großvaters Angel Maria Camacho y Cano,  mit denen er aufgewachsen ist. Auf „Herencias“ spielt er drei typisch südamerikanische Stücke seines Großvaters, kleidet sie allerdings vorsichtig in ein moderneres Gewand. Auch den Duke Ellington Titel  „Caravan“ hat Bruno Böhmer Camacho für die CD ausgewählt - ein Tribut an einen großen amerikanischen Jazzmusiker. Doch er begnügt sich nicht damit, einen berühmten Jazz-Standard einfach nachzuspielen, sondern geht frei mit der Vorlage um, mit vielen originellen Ideen.

Die eigenen Kompositionen auf „Herencias“ hinterlassen jedoch einen viel stärkeren Eindruck. Melodisch, fantasiereich, äußerst feinfühlig, kraftvoll, virtuos und temporeich  -  eine spannende, sehr eigenständige Art des modernen Jazz. Ein klassisches Klaviertrio mit sensibel eingesetztem E-Bass statt Kontrabass, was dem Ganzen eine besondere Note verleiht. Juan Camilo Villa heißt der Bassist und Rodrigo Villalòn der Schlagzeuger. Beide spielen mit Bruno Böhmer Camacho seit der Schulzeit zusammen und das hört man am perfekten  Zusammenspiel. „Herencias“ ist von Bruno Böhmer Chamachos brillanten Klavierspiel geprägt und das zeichnet sich vor allem durch einen sehr feinen, differenzierten Anschlag aus. Bruno Böhmer Camacho und seine Musikerkollegen zeigen enorme Spielfreude, Originalität und außergewöhnliches Können, was dem Trio bereits international Erfolg einbrachte.

Bruno Böhmer Camacho wurde die Musik in die deutsch-kolumbianische Wiege gelegt. Der Vater ist Deutscher, seine Mutter die kolumbianische Konzertpianistin Lyra Mercedes Camacho, der bereits erwähnte Großvater der bekannte Komponist Angel Maria Camacho y Cano, ein Förderer der karibischen Folklore.

Schon früh begann Bruno Böhmer Camacho Klavier zu spielen. Mit 7 Jahren nahm er Unterricht bei Professor Günther Renz, einem Pianisten, bei dem er auch in Harmonielehre, Komposition und Arrangement ausgebildet wurde.

Gerade 9 Jahre alt, gründete Bruno Böhmer Camacho mit befreundeten Musikern die Jazzgruppe „Latin Sampling“, die bald zu verschiedenen Festivals in Südamerika eingeladen wurde. Verblüffend, dass eine Schulband so lange existiert, denn die musikalischen Freundschaften halten bis heute.

Die ganze Band kam mit Bruno Böhmer nach Deutschland. 2002 gewann „Latin Sampling“ in Bonn beim Wettbewerb  „Jugend Jazzt“ einen Preis für die beste Jazzgruppe.

Mit 17 Jahren begann Bruno Böhmer Camacho an der Folkwang Hochschule in Essen zu studieren. Seine Lehrer waren Thomas Hufschmidt, Peter Herborn und Peter Walter.

Gleich zweimal erhielt er den Folkwang Preis in der Sparte „Jazz“, 2006 und 2008.

Ein Stipendium ermöglicht ihm derzeit ein Studium an der Berklee School of Music in Boston.

Thomas Hufschmidt, bei dem Bruno Böhmer Camacho fünf Semester studierte, meint, er habe noch nie einen so inspirierenden Studenten gehabt. Er lobt die gute Zusammenarbeit, denn Bruno Böhmer Camacho sei trotz seiner großen Begabung immer bodenständig geblieben  und verfüge über eine spontane Intelligenz mit Humor gepaart. Die deutsch-kolumbianischen Pole, einerseits das Temperament, sowie andererseits das Rationale, Zuverlässige und  gut Organisierte, gingen bei Bruno Böhmer eine ideale Verbindung ein.

Laudatio für die Regisseurin Elisabeth Stöppler

Elisabeth Stöppler hat den meisten der Kolleginnen und Kollegen ihrer Generation eine Kompetenz voraus: Sie kann ganz aus der Musik heraus inszenieren. Denn sie ist nicht wie viele Regiebegabungen übers Sprechtheater zur Oper gekommen, sondern von der Musik übers Theater zum Musiktheater. Das merkt man ihrer Arbeit sehr deutlich an, denn sie bezieht ihre bezwingende Kraft vor allem aus ihrer musikalischen Sensibilität und ihrer Begabung, aus der Musik eine intensive Spannung zu aufzubauen, die ihren Figuren eine hohe psychologische Plausibilität verleiht.

Elisabeth Stöppler wurde 1977 in Hannover geboren und begann noch in der Schulzeit ein Klavierstudium an der Musikhochschule Hannover. Die Fähigkeit, analytisch und strukturiert zu hören und mit selbstverständlicher Sicherheit musikalische Subtexte aufzuspüren, rührt wohl daher.

Doch auch die Bühne lockte: In Rom besuchte sie eine Schauspielschule und studierte anschließend in Hamburg Musiktheaterregie bei Götz Friedrich und Peter Konwitschny. Schon während ihres Studiums war sie ständige Regieassistentin des Schauspiel- und Opernregisseurs Johannes Schaaf und begleitete ihn u.a. an De Nederlandse Oper Amsterdam und das Aalto-Theater Essen. Auch mit dem Regie-Wunderknaben Stefan Herheim arbeitete sie als Assistentin zusammen. Doch von keinem dieser Regie-Alphatiere hat sie die Handschrift übernommen, wohl aber das Handwerk.

Bereits seit 2003 inszeniert Elisabeth Stöppler selbst am Musiktheater. Stationen waren unter anderem die Sächsische Staatsoper Dresden („Das Kind und die Zauberdinge“ von Maurice Ravel), die Hamburgische Staatsoper, das Tiroler Landestheater Innsbruck und das Landestheater Linz. An den Städtischen Bühnen Osnabrück kam 2006 unter ihrer Regie „Jenufa“ von Leos Janácek heraus. Mehrfach arbeitete sie am Oldenburgischen Staatstheater und inszenierte dort „Orphée“ von Christoph Willibald Gluck, „La Traviata“ von Giuseppe Verdi und „Werther“ von Jules Massenet, sowie in der vergangenen Spielzeit Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ an der Staatsoper Hannover. Der „Traviata“ attestierte man „sehr stringente Personenführung mit (...) bewundernswerter Musikalität und seelischer Spannkraft“, „szenischen Einfallsreichtum“ und „Beherztheit“ ihrer Hannoveraner „Zauberflöte“.

Mit Benjamin Brittens „Peter Grimes“ hat sie im Frühjahr erstmals am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen gearbeitet und mit diesem ungemein packenden Abend ungeteilte Begeisterung ausgelöst. Schnörkellos und realistisch verweigert sie sich pittoresker Meeresromantik ebenso wie grobmaschiger Seemanns-Folklore. In nüchterner Sperrmüll-Tristesse lungern die Fischerdorf-Bewohner wie heutige Hartz-IV-Anwärter herum, doch in der Lähmung lauert Gewalt. Peter Grimes ist bei Stöppler ein Bruder Wozzecks und eine zutiefst ambivalente Figur, deren Schuld bis zuletzt offen bleibt. Hat er tatsächlich die beiden Jungen auf dem Gewissen, die unter ungeklärten Umständen als seine Gehilfen bei stürmischem Fischfang starben? Ist er Täter oder war er selbst Opfer? War es Missbrauch, und wenn ja, welcher Art?

Stöpplers Regie schafft es, Brittens Oper wie einen Krimi zu erzählen und parallel zu den düster sich auftürmenden Gewissheiten und Feindbildern auf der Bühne die Gewissheiten im Zuschauerraum kontinuierlich schwinden zu lassen. Grimes ist ein Sonderling, mit dem man zunächst sympathisiert, in dem aber immer wieder erschreckende, wie abgespaltene Aggressionen aufblitzen. Darin verdichtet Grimes jedoch nur, was jeder der vereinzelt Einsamen im Fischerdorf mit sich herumträgt und Stöppler von grandios herausarbeitet wird. Auch im meisterhaft choreografierten Chor gelingt es ihr, prägnante Typen zu zeichnen, die sich schließlich zur „Peter Grimes!“ brüllenden Meute zusammenrotten und den negativen Helden schließlich in den Tod treiben.

Laudatio für den Bildenden Künstler Gereon Krebber

Addendum - der umarmte Moment, oder das Zwinkern des Erhabenen

Gereon Krebber ist Bildhauer,  sein Material ist „Zeit“. Aus ihm schöpft er prägnante Abschweifungen. So stellen Krebbers Arbeiten einen Zugewinn dar, in einer oft klumpig schweren und stark überalterten Gattung, die unsere Rohstoffresourcen selbstverliebt abgreift und doch so wenig an Eigengestalt zurückzugeben vermag.

Krebbers Plastik denkt auch das konstruierende Element mit und lädt zum Spiel mit den dem Material innewohnenden Möglichkeiten – so sind die von Cellophan umhüllten Luftballons eine Konstruktionshilfe, mittels der sich Formen wie „Wolke“, 2004, oder „Turd“, 2005, bauen. Darüber hinaus sind sie als Luftballons präsent und weiter dürfen sie auch mit der Idee der eingefrorenen ungerichteten Bewegung spielen.

Bei Krebber steht der Betrachter als Staunender im Raum und vergisst denselben. Er horcht Volumen – Oberfläche – Material gerne hinterher und gibt sich ganz dem ausufernden Charme der momentanen Formfindung hin.

Einem Innehalten vergleichbar fügen sich selbstverständliche, oft aus dem Auge verlorene Materialien wie Gelatine, Frischhaltefolie, Spachtel, Gips, Zucker, Beton oder Tapetenkleister zu unwahrscheinlichen, aber unübersehbaren Rander-scheinungen.

Vom Rand her erfolgt die Invasion des Unwahrscheinlichen und besetzt den Raum mit Krebbers Arbeiten. Krebber verdichtet dabei den Raum auf seine Plastik und behauptet sie als autonome Skulpturen, die eine lange Tradition atmen und die Formensprache mancher Kollegen berühren - und das doch nur für Momente... Mit dem erkennenden Staunen des Betrachters kommt die Prozesshaftigkeit durch die Hintertür und dekonstruiert das Monument. Das Erhabene hat gezwinkert und das Minimalistische ist abgeschweift.

Laudatio für den Pianisten Alexej Gorlatch

Wer Alexej Gorlatch sieht und zugleich am Klavier hört, dem fällt es nicht immer leicht, das Bild und die Musik zusammenzubringen. Man sieht einen jungen Künstler und erwartet vielleicht ein stürmisches, vielleicht ein suchendes Spiel. Doch man erwartet kaum diese Souveränität einer persönlichen Interpretation. Auch nicht unbedingt die abgeklärte Sensibilität seines Anschlags.

Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen einmal das Vergnügen gehabt, Präludium und Fuge in cis-Moll von Johann Sebastian Bach durch die Finger Alexej Gorlatchs zu erleben, ein Werk, das er gerne öffentlich spielt. Gorlatch legt das Präludium als feingliedriges Gewebe an. Konzentriert lässt er das Thema des Präludiums im gebrochenen cis-Moll-Dreiklang aufsteigen und verwebt dann die drei Stimmen zu immer dichterem Geflecht. Mit der Fuge bricht dann eine furiose Kontrapunktik über den Hörer herein und dieser erahnt, dass Gorlatch technische Probleme nicht zu kennen scheint.

Gorlatchs besondere Stärke ist die Interpretation der Sonaten Ludwig van Beethovens. Er erliegt nicht der Versuchung, hier mit einem unbedingt originellen Zugriff aufzufallen, um sich von der Million an Interpretationsvorläufern abzusetzen. Er durchlebt ohne jede Ironie mit einer souveränen Ernsthaftigkeit jede Facette der Beethovenschen Architektonik. Man höre nur Gorlatchs Interpretation von Beethovens Sonate in A-Dur Op. 101 – „mit innigster Empfindung“, wie Beethoven es vorschreibt.

Die Jury ist davon überzeugt, dass der 1988 in Kiew geborene Pianist, der im Alter von drei Jahren nach Deutschland kam, seinen Weg auf den internationalen Konzertpodien machen wird. Diesen Weg etwas zu erleichtern, kann dieser Preis hoffentlich bewirken.

Laudatio für den Pianisten Alexej Gorlatch

Wer Alexej Gorlatch sieht und zugleich am Klavier hört, dem fällt es nicht immer leicht, das Bild und die Musik zusammenzubringen. Man sieht einen jungen Künstler und erwartet vielleicht ein stürmisches, vielleicht ein suchendes Spiel. Doch man erwartet kaum diese Souveränität einer persönlichen Interpretation. Auch nicht unbedingt die abgeklärte Sensibilität seines Anschlags.

Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen einmal das Vergnügen gehabt, Präludium und Fuge in cis-Moll von Johann Sebastian Bach durch die Finger Alexej Gorlatchs zu erleben, ein Werk, das er gerne öffentlich spielt. Gorlatch legt das Präludium als feingliedriges Gewebe an. Konzentriert lässt er das Thema des Präludiums im gebrochenen cis-Moll-Dreiklang aufsteigen und verwebt dann die drei Stimmen zu immer dichterem Geflecht. Mit der Fuge bricht dann eine furiose Kontrapunktik über den Hörer herein und dieser erahnt, dass Gorlatch technische Probleme nicht zu kennen scheint.

Gorlatchs besondere Stärke ist die Interpretation der Sonaten Ludwig van Beethovens. Er erliegt nicht der Versuchung, hier mit einem unbedingt originellen Zugriff aufzufallen, um sich von der Million an Interpretationsvorläufern abzusetzen. Er durchlebt ohne jede Ironie mit einer souveränen Ernsthaftigkeit jede Facette der Beethovenschen Architektonik. Man höre nur Gorlatchs Interpretation von Beethovens Sonate in A-Dur Op. 101 – „mit innigster Empfindung“, wie Beethoven es vorschreibt.

Die Jury ist davon überzeugt, dass der 1988 in Kiew geborene Pianist, der im Alter von drei Jahren nach Deutschland kam, seinen Weg auf den internationalen Konzertpodien machen wird. Diesen Weg etwas zu erleichtern, kann dieser Preis hoffentlich bewirken.

Laudatio für die Autorin Que Du Luu

„Als ich wieder in der Wohnung war, betrachtete ich mich im Spiegel. Ich hatte durchschnittlich kurze Haare, ein durchschnittliches Gesicht, eine durchschnittliche Figur. Sogar meine Größe war durchschnittlich. Nur die Anzahl meiner Ex-Freundinnen war unterdurchschnittlich. Mit vierundzwanzig Jahren lag sie bei null. One-Night-Stands, Affären und sonstiges inbegriffen.“

Durchschnittlich ist allerdings das bisheriges (Innen-) Leben des Studenten Patrick keineswegs. Vor allem seine Kindheit nicht. Mit zehn Jahren hat er seine Mutter zum letzten Mal gesehen. Da war sie in eine geschlossene Anstalt gebracht worden. Sie, „die immer schon komisch gewesen war“, hatte bei einer kurzen Autofahrt dem Vater ins Lenkrad gegriffen, weil sie „Albert Einstein auf der Straße hat stehen sehen.“ Das Auto prallte gegen einen Baum. Der Vater wurde tödlich verletzt. Patrick wuchs bei Verwandten auf. Er verweigerte jeden Kontakt mit der Mutter, keine Besuche, keine Telefonate.

Das bekannte Poster mit Einstein, als er seine Zunge herausstreckt, bei einer Zimmernachbarin hat Sprengkraft:

Patrick stellt sich den Erinnerungen an seine freud- und lieblose Kindheit in einer düsteren Wohnung mit „dem dunklen Flur“ und einer ewig kränkelnden, schlafbedürftigen Mutter, die einst ihr Studium der Physik an den Nagel gehängt hatte, weil sie schwanger wurde. Langsam beginnt auch die Annäherung an seine Mutter, die allmähliche Überwindung von frühen Verletzungen und (verborgenen) Lebens-Ängsten, auch der Angst vor Liebe und Bindung. Und für Mutter und Sohn ein Erkenntnisprozess, der beide verändert und – vielleicht - den Weg frei macht für gegenseitiges Verstehen und eine (mögliche) Vergebung und Versöhnung. Am Ende – es ist Weihnachten – erinnert sich Patrick an die Weihnachtsfeste in seiner Kindheit, die einzige Zeit, die leuchtet: überall Lichterketten, auch im Flur. Die ganze Wohnung war hell. „Ich lief in Vorfreude hin und her, von einem Zimmer ins anderes, immer durch den beleuchteten Flur.“

Que Du Luu entfaltet in ihrem Roman die Geschichte einer Verdrängung und Selbstfindung. Den mühsamen Prozess des Erwachsen-Werdens. Wohltuend distanziert (ohne Psychologisierung) und mit Humor nimmt sie ernste, schwierige gesellschaftliche Themen auf (Emanzipation, Pflegeheim und Psychiatrie), bettet sie in die Lebenswelt ihrer Generation und findet mit knappen, oft witzigen Dialogen einen Ton, der keine sentimentalen, also falschen Gefühle aufkommen lässt. Der dennoch die Wunden eines Kinderlebens (und einer kranken Mutter) hör- und fühlbar macht. Mit dieser Erzählkunst gelingt der Autorin die nicht leichte Balance zwischen Komik und Tragik.

Que Du Luu, 1973 in Cholon/Vietnam geboren, chinesischer Abstammung, kam mit drei Jahren nach Deutschland. Sie veröffentlichte schon während ihres Studiums der Germanistik und Philosophie Erzählungen in verschiedenen Anthologien. „Totalschaden“ ist ihr erster Roman: ein überzeugendes literarisches Debüt.

Laudatio für die Filmemacherin Anna Ditges:

„Ich will Dich – Begegnungen mit Hilde Domin“

Das Kinodebüt der gebürtigen Bonnerin und Absolventin der Kunsthochschule für Medien in Köln ist ein für das Genre des Dokumentarfilms außergewöhnlich subjektiv erzählter Film. Sein vielschichtiger sowie offener Aufbau erlaubt daher durchaus gegensätzliche Rezeptionshaltungen, die am Ende aber doch eines gemein haben: eine intensive Emotionalität.

Zunächst gestaltet Anna Ditges ihren Film als gängiges filmisches Porträt der 95-jährigen Dichterin Hilde Domin. Mit Hilfe üblicher Mittel wie Interviews, Footagematerial und im Off eingesprochener Gedichte erfahren wir vom Leben und Schaffen der liebenswerten und unbeugsamen Protagonistin. Doch wer den Film nur über diese erste Ebene lesen mag, der reibt sich zwangsläufig an der ungewohnten Selbstinszenierung der Filmemacherin, an ihrer Verweigerung von Objektivität und an ihrem zuweilen als distanzlos empfundenen Umgang mit der Dichterin. „Dumme Fragen“, unliebsame Antworten, das Thematisieren des filmischen Prozesses, gar das Hinwegsetzen über Absprachen mit Hilde Domin – was in gängigen Dokumentarfilmen tunlichst herausgeschnitten würde, findet in Anna Ditges’ spannender und gewagter Montage wie selbstverständlich Raum.

Anna Ditges’ Film ist dadurch viel mehr als nur ein Künstlerporträt; es ist das Porträt einer Freundschaft, ein Dokument über das Zusammentreffen zweier Generationen und zweier Künstlerpersönlichkeiten. Der Film erlaubt sich eine Subjektivität, die den Zuschauer mal empören und mal berühren mag – die aber immer polarisiert. Er ist Anna Ditges’ Zeugnis ihrer ganz persönlichen Beziehung zu Hilde Domin, das sie filmsprachlich radikal umsetzt. Dieser Mut zur Konsequenz im individuellen künstlerischen Ausdruck hat die Jury überzeugt. Möge die Auszeichnung Ermunterung für Anna Ditges sein, diesen Mut auch in zukünftigen Arbeiten nicht zu verlieren.

Laudatio für den Choreografen Ben J. Riepe

Willkommen im Kabinett der Mitternachtsgestalten, der verstörten Märchenfiguren und Triebtäter! In Ben J. Riepes „Labyrinth“ trifft man einen Meister Coppelius auf Stöckelschuhen, einen Conférencier, der sich als Raubtier gebärdet oder ein Rumpelstilzchen mit Reibeisenstimme. Mit seiner Performance-Serie in fünf Bildern „Liebe Tod und Teufel – Aktion: Üben Schönheit zu sehen“ hat  Ben J. Riepe eine Kunstwelt geschaffen, die sein Verständnis von Ästhetik eindrucksvoll in Szene setzt: Schöne Körper in „teuflisch schöner Verpackung“ (Riepe), die ihre Makellosigkeit selbst demontieren – durch landläufig als abstoßend empfundenes Verhalten. Eiskalt grinst da Riepes Humor, wenn er seine erotisch aufgeladenen Figuren an Abgründe führt und ihre äußerliche Sterilität beschmutzt.

Mit seinen von der bildenden Kunst inspirierten Performances, angesiedelt zwischen Tanztheater und Installation, schafft Ben J. Riepe theatrale Erlebnisse. Raum und Zeit arrangiert er im Sinne von Bewußtseinszuständen unserer Zeit. Sympathisch macht ihn, dass er über seine Bildwelten, die sich so formstreng wie verrätselt geben, ein selbstironisches Lächeln legt.

Mit seinen Phantasmagorien will der gebürtige Wittener nicht intellektualisieren, sondern den Zuschauer emotional ansprechen. Im schönsten Fall, so formuliert es Riepe selbst, habe er einen „inneren Schatz“ mit auf den Weg zu geben.

Ben J. Riepe studierte Tanz und Choreografie an der Folkwang Hochschule in Essen.  Er war ein gefragter Tänzer und als Gast immer wieder bei Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater u.a. in „Frühlingsopfer“ zu sehen. Der Wahl-Düsseldorfer tanzte auch  anderswo. Seine Zeit bei VA Wölfl hinterließ allerdings ästhetisch den stärksten Eindruck auf den jungen Choreografen. Längst hat er sich von Wölfl emanzipiert und ein eigenes Idiom entwickelt.

Ben J. Riepe lässt die Kunst tanzen. Anregungen holt er sich in der Literatur, in Kunstbildbänden, in Museen. Die bildende Kunst interessiert ihn mehr als die darstellende, da er sie für weiter entwickelt hält. Auf der Bühne aber fließen Tanz und bildende Kunst wunderbar ineinander: Die lebenden Skulpturen, die gemeißelte Spröde der Bilder, das präzise Lichtdesign und dann die reduzierte Bewegung, die eine Szene zuspitzen oder brechen kann.

Seit „Happy End – dealing night again“ (2007) tourt Ben J. Riepe bereits international, das Goethe-Institut schickte ihn nach Mexiko. Und er wird es auch noch weiter schaffen.

Laudatio für die Medienkünstlerin Elizabeth Cortiñas

Die spanische Medienkünstlerin Eli Cortiñas ist eine Virtuosin des Schneidens, des  Montierens und des Timings. Ihre Themen kreisen um Identität, Rollen­darstellung und  Weiblichkeitsentwürfe, wie sie die Literatur und das Kino im 20. Jahrhundert ausgeprägt haben. Cortiñas Arbeitsmaterial sind kurze, spannungsgeladene Filmszenen, die sie mit höchster Präzision aus den großen Kinoerzählungen heraus löst und neu arrangiert. Zu raumgreifenden Mehrkanal-Installationen oder Videoskulpturen ausgebaut, eröffnen die akustischen und visuellen Versatzstücke ein neues Bedeutungsspektrum. Besonders überzeugt hat die Jury, wie die Künstlerin mit starkem Gespür für Rhythmus und Psychologie die Filmhandlungen zuspitzt und mit realen Elementen ihrer eigenen Biographie verschränkt, so dass im tradierten Medium Film Ansätze zu einer anderen Auffassung von Darstellung aufscheinen.

Laudatio für die Architekten Jonas Greubel und Daniel Schilp

Der berufliche Werdegang des Architektenteams Format 21 verläuft nahezu synchron: Jonas Greubel und Daniel Schilp absolvierten nach dem Abitur an einer Waldorfschule ein Baupraktikum in einer Schreinerei. Das gemeinsame Architekturstudium haben beide im Februar 2009 an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Bonn mit dem Diplom abgeschlossen.

Das gemeinsame Oeuvre dokumentiert auf verblüffende Weise den gemeinsamen Werdegang. Die jungen Architekten bewegen sich souverän auf dem Terrain zwischen Möbel, Gebäude und urbaner Textur: Bei dem realisierten Hausboot auf dem Elbe-Kanal wird der Schiffsrumpf, die Präsentationswand, ja selbst die präzise gesetzte Nietung der Rumpfverkleidung zu großer Architektur. Ähnliches gilt für den mit dem 1. Preis prämiierten Entwurf für den Messestand Weleda.

Die Annäherung an die Bauaufgabe für ein Kunst- und Kulturzentrum für Beirut führt über eine tief in die geschichtliche Vergangenheit zurück führende Spurensuche. 

Mit einem Baukörper und Materialien, die Bezug nehmen auf den Genius loci,  bildet die Arbeit ein nach innen und außen kommunizierendes Gebäude ab. Innere Organisation und räumliche Durchdringung gleichen im Kleinen der urbanen Textur der Stadt. Die jungen Architekten erreichten mit ihrem Wettbewerbsentwurf den 4. Platz.

Jonas Greubel und Daniel Schilp kommunizieren ihre gestalterischen Ideen mit sorgfältiger Detailgenauigkeit. Sie beschreiben in ihrem bislang noch kleinen Oeuvre einen gelassenen und unaufgeregten Umgang mit der gestellten Bauaufgabe.

Laudatio für die Medienkünstlerin Johanna Reich

Johanna Reich benutzt das Medium Video auf vielfältige Weise, das Spektrum reicht von kurzen, clipartigen Videofilmen bis hin zu Videoperformances, bei denen sie vor und hinter der Kamera agiert. Im Zentrum ihrer Arbeit steht dabei seit einiger Zeit eine spezielle Aneignung des Prinzips Videoperformance: Vor der laufenden Kamera handelt die Künstlerin als Malerin (oder Anstreicherin) und färbt den aufgenommenen Bildausschnitt bunt ein, meist in zu ihrer Kleidung passenden Farben.

In „Linie“, 2008, dem bislang radikalsten Ergebnis dieser ‚Videomalereien‘, malt sie, schwarz gekleidet, ein vertikales Feld schwarz, bis sie nicht mehr zu sehen ist und sich selbst ausgelöscht hat. Die Kamera kann wegen der diffusen Lichtverhältnisse nicht zwischen dem schwarz der Person und dem schwarzen Hintergrund differenzieren. Die hochauflösende Digitaltechnik wird durch die gewählten Bedingungen an ihre Grenzen gebracht. Ein simpler Trick führt zu einem Ergebnis, dass ästhetisch in seinen malerischen Zwischenschritten an den abstrakten Expressionismus eines Franz Kline erinnert und im Ergebnis der‚ Selbstauslöschung‘ vielfältig interpretiert werden kann.

Johanna Reich sieht diese ‚Videomalereien‘ in einer „Reihe von Experimenten über die Veränderung der Umgebung durch den Menschen. Im Ausschnitt des Kamerabildes verändere ich die Umwelt nach meinen Maßstäben, sie wird meiner Kleidung angepaßt oder bildlich vereinfacht. [Es ist] ein Versuch, die immer komplexer werdende Welt zu adaptieren.“ Genau darin liegt die überzeugende Kraft der Videoarbeiten von Johanna Reich: In ihren Videos kommentiert und verändert sie die Welt in unvorhergesehener Weise, bleibt dabei jedoch immer humorvoll und selbstironisch.

Laudatio für die Filmemacherin Lola Randl

Die Filmemacherin und Drehbuchautorin Lola Randl setzt auf leise Töne und Langsamkeit. Ihre Filme sind auf die genaue Beobachtung ihrer Figuren und ihrer Befindlichkeiten abgestimmt. Die für den Förderpreis eingereichten Filme zeigen dies auf sehr schöne Weise.

In Randls Langfilmdebut „Die Besucherin“ (104 Minuten, D 2008), der dieses Jahr bundesweit im Kino anlief, gerät eine Frau an den Schlüssel zu einer fremden Wohnung, die sie nun regelmäßig besucht. Ohne daß ihre Familie davon weiß, führt sie ein Doppelleben, in dem sie ihre eigene, ihr längst fremd gewordene Identität als erfolgreiche Wissenschaftlerin und Ernährerin der Familie abstreifen kann. Sie beginnt eine Affäre mit einem fremden Mann, der auf ähnlichen Fluchtwegen ist wie sie selbst. Sie kehrt zwar in die Realität zurück, doch welchen Preis sie dafür zahlt, bleibt in der Schwebe. Überhaupt zeigt Lola Randl Sinn für das „Dazwischen“ der Figuren, für das Surreale des Moments. Sie inszeniert die Scheinbeziehung mit dem Fremden so schlafwandlerisch selbstverständlich wie ihren Alltag und lässt die beiden Welten mühelos verschmelzen. Lola Randl erzählt von Fluchten aus der Realität, der eine  langjährige Routine vorausging und die die Figuren zu mentalen Grenzgängern macht.

Dies setzt Lola Randl, ganz ohne dramatisches Vorpreschen, mit den herausragenden Hauptdarstellern Sylvana Krappatsch, Andre Jung und Samuel Finzi exzellent in Szene.

Auch die Teenager aus Randls Kurzfilm „Nachmittagsprogramm“ (18 Minuten, D 2004) sind „nicht-ganz-von-dieser-Welt“. Sie erleben eine Tour zum See, erste Annäherung und Abstoßung, ein kleines Besäufnis und den Kater danach; einen Schwebezustand wie im Vakuum, schließlich die lapidare Rückkehr in den Alltag. Randl findet hier eine präzise und auch humorvolle Sprache für den Stress der Langeweile auf dem Dorf und das gedehnte Zeitempfinden in der wattigen Langeweile eines Sommertages.

Die Künstlerin Randl beweist außerdem große Vielseitigkeit in der Wahl ihrer filmischen Formen. Wo „Die Besucherin“ und „Nachmittagsprogramm“ atmosphärisch dichte fiktionale Filme sind, erschafft Randl mit der Reihe „Die Leiden des Herrn Karpf“ (eine insgesamt 30minütige Kurzfilmtrilogie), die bereits auf diversen Festivals gezeigt wurden, eine Kunstfigur. Der österreichische Schauspieler Rainer Egger verkörpert einen verschrobenen Mann in Zwiesprache mit sich selbst, seinem Bezug zur Außenwelt, seinen eingebildeten Krankheiten. Es kommen lässige Mockumentary-Miniaturen dabei heraus; mehr noch, eine Art filmisches Kabarett. Wie aus dem Ärmel geschüttelt sieht es aus, doch die hier von Lola Randl selbst geführte Kamera und der Schnitt steuern kalkulierte Dynamik bei.

Lola Randls Verdienst ist es, ihrer erzählerischen Handschrift des Unspektakulären eine korrespondierende Form geben zu können, die sie nicht nur mit der Kamera, sondern auch durch Toneffekte und präzisen Musikeinsatz zu unterstützen weiß. Gleichzeitig beschreitet sie mit dem Karpf-Tryptichon erfolgreich innovative Wege des Filmemachens. Die Jury begrüßt die Kombination aus entwickelter künstlerischer Handschrift und formaler Offenheit und möchte Lola Randl mit der Vergabe des Förderpreises auf diesem Weg bestärken.

Laudatio für den Bildenden Künstler Martin Pfeifle

Martin Pfeifles Werke zeichnen sich durch ihre hohe strukturelle und räumliche Qualität aus. Bei seinen Arbeiten von Skulpturen oder von Installationen zu sprechen, würde in beiden Fällen seinen Ansatz nur verkürzt darstellen. Pfeifle reagiert in seinen Konzeptionen auf den gesamten Raum und den Kontext, also eigentlich auf die Atmosphären der Umgebung. Mit einfachen Materialien, wie Folien, Holzlatten, Styropor und Sperrholz, schafft er Objekte – oder besser Setzungen – von hoher ästhetischer Dichte. Er ist dabei weniger der „Bricoleur“, den die überbordende Inszenierung von Alltagsabfall reizt, sondern vielmehr der präzise Gestalter konzeptueller Räume. Die Anleihen an Minimalismus, Konzeptkunst und Modernismus schleichen sich bei Pfeifles Arbeiten nicht sang- und klanglos durch die Hintertür ein, sondern stehen als heutige Form im Raum. Zu sehen ist das, wenn beispielsweise in der Arbeit „time is flying in our company“ von 2003 ein architektonisches Formelement aus der Decke einer modernen Kirche, als freistehende Skulptur aus Schalungsplatten auf einem öffentlichen Parkplatz zum stehen kommt. Oder bei „edition gold“ aus dem Jahr 2007 wo geknickter goldener Chromoluxkarton als reliefartige Wandarbeit in Erscheinung tritt.

Häufig liegt in seinen Arbeiten ein Widerspruch zwischen einer Präsenz des Eindrucks und der Erscheinung zur Einfachheit und Leichtigkeit der verwendeten Materialien. Faszinierend ist bei Martin Pfeifle dieser sehr spezifische Umgang mit dem Material, dessen ‚poveren’ Ursprung er nicht verschleiert oder veredelt. Häufig suggerieren die Arbeiten Funktionalität, in manchen Fällen sind sie tatsächlich benutzbar, wenn auch nur kurzzeitig, wie beispielsweise seine Bar „PFEIFLE FÜR MINIBAR“, die er im Düsseldorfer Malkastenpark im Rahmen der Ausstellung „Parcours interdit“ aufgebaut hatte. Es gelingt Martin Pfeifle, durch die Materialität wie durch die Formgebung und Komposition der einzelnen Elemente, seinen Räumen eine coole Aura des Heutigen zu verleihen: schnelllebig, unbeständig, dicht und präsent, Diskurse andeutend und zugleich von großer Leichtigkeit.

Laudatio für die Architekten Daniel Baerlecken und Judith Reitz

Auch wenn das Büro BFR LAB erst seit 2006 besteht, ist es Judith Reitz und Daniel Baerlecken gelungen, ein beachtliches Oeuvre von Projekten und Objekten vorzulegen. Ihre Arbeiten sind das Ergebnis einer ungebrochenen konzeptionellen Experimentierfreude, wobei sie mit erstaunlicher Sicherheit die Gratwanderung zwischen Design und Architektur bewältigen.

Die durch bewusste Grenzüberschreitungen erzeugte Schnittmenge lässt Architektur zum Objekt werden und umgekehrt. Strukturen, Körper, Flächen und Räume verbinden sich zu abstrakten und konzeptionellen Gebilden ganz unterschiedlicher Größe und Form. Dies führt zu stark skulptural geprägten Objekten im großen Maßstab, die mit konventionellen Architekturauffassungen brechen und am ehesten in der Tradition von Architektur-Utopien der beginnenden Moderne stehen. Dabei bilden die heutigen technischen Möglichkeiten einen realisierbaren Rahmen für Konstruktion und Gestalt.

So entwickeln sich die  kleineren Wettbewerbsprojekte von BFR LAB  auf Grundlage struktureller und geometrischer Überlagerungen, die zum Ausgangspunkt eines programmatischen Entwurfsansatzes werden. Struktur und Form ergeben sich in der Regel aus der Aufgabenstellung und verzahnen sich mit der vorgefundenen städtebaulichen Struktur zu ungewöhnlichen Gesamtlösungen.

Die ganzheitliche Betrachtung ihrer Objekte ist eine wesentliche Grundlage für die Arbeit von Reitz und Baerlecken. Bezeichnend für die realisierten Projekte ist die interaktive Verbindung von Raum und Ausstattung. Interieur und Detail werden mit höchster Sorgfalt bearbeitet und in das Gesamtkonzept eingebunden. Die Liebe zum Detail ist das Resultat einer intensiven Beschäftigung mit strukturellen Möbelentwürfen, die in ihrer gestalterischen Ausdruckskraft in direkter Beziehung zu den skulpturalen Kunstobjekten stehen, die die Arbeit des Büros abrunden und ergänzen.

Das kreative Potenzial von Judith Reitz und Daniel Baerlecken scheint damit noch lange nicht erschöpft. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, wann die Umsetzung ihrer konzeptionellen Auseinandersetzung mit Architektur und Design im größeren Maßstab gelingt.

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