Respekt lebt auch von Regeln

Gespeichert von Martin Götz am 15. November 2016
15. November 2016

Respekt lebt auch von Regeln

Franz-Josef Lersch-Mense
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​Seit über 35 Jahren beschäftige ich mich in unterschiedlicher Funktion und Rolle mit politischer Kommunikation. Ich weiß, wie sich scharfe Kritik, wie sich pointierte Angriffe anfühlen: Im Parlament, in der Presse, heute natürlich auch in sozialen Medien. Dort liest man oft: Wer sich öffentlich äußert, muss Kritik ertragen. Für Politikerinnen und Politiker gilt das allemal.

Das Internet, speziell soziale Netzwerke, geben heute aber jeder und jedem die Möglichkeit, vor einer breiten Öffentlichkeit Position zu beziehen –zu kritisieren, zu widersprechen, zu protestieren. Und das ist auch gut so! Kritik gehört zur demokratischen Kultur. Das Internet verschafft jeder Stimme Gehör. In einigen Ländern hat erst diese Art der direkten Teilhabe zu Recht und Freiheit geführt.

Die Möglichkeiten des Netzes können aber auch zum glatten Gegenteil führen. Gerüchte verbreiten sich rasend schnell, ehe sie überprüft werden können. Die Informationsflut wird, unbemerkt von Nutzern, von Algorithmen kanalisiert. In Filterblasen und Echokammern spiegelt sich nur noch die eigene Meinung. Sie werden so dicht, dass sie keine korrigierenden Informationen mehr hineinlassen. Bots, also Software, die automatisch Nachrichten schreibt und sich so in Debatten einmischt, befeuern Hass und Hetze. Und nicht wenige Menschen nutzen das Internet als – vermeintlich – anonymen öffentlichen Raum, um endlich mal alles rauszuschreien, was sich in ihnen aufgestaut hat.

Ein solches virtuelles Niederbrüllen aber zerstört das demokratische Miteinander.

Es verhindert, wofür viele in meiner Generation sich politisch engagiert haben: Den herrschaftsfreien Dialog, aus dem Lösungen für eine gerechtere, freiere Gesellschaft hervorgehen.
Manchmal sind Menschen erstaunt über persönliche Sympathien, ja sogar Freundschaften zwischen Politikern aus verschiedenen Parteien. Das hat etwas mit Respekt zu tun: Demokratie lebt vom Diskurs und eine Debatte ist kein Shitstorm. Hart in der Sache, aber fair im Umgang sollte der politische Wettbewerb ausgetragen werden.

Diesen Grundsatz und entsprechende Regeln sollte es auch für Debatten im Netz geben. Würde das den offenen Diskurs zerstören? Im Gegenteil: Es ist der einzige Weg, ihn zu retten.
Das ist das Ziel des Netzkodex, dessen Entwicklung wir angestoßen haben. Wir wollen, dass sich jede und jeder trauen kann, sich zu äußern, ohne Beleidigungen, Unterstellungen, Drohungen fürchten zu müssen.

Auch in der „Woche des Respekts“ wollen wir Werte wie Achtung, Respekt und Toleranz stärken. Die digitalen Medien bieten dazu großartige Chancen. Beim Medienkompetenzprojekt #RespektWalk der Landesregierung zum Beispiel kommen Menschen verschiedener Generationen zusammen. Mit Kameras und Smartphones fotografieren sie Menschen und Räume, die für Toleranz und Miteinander stehen – oder gerade für einen Mangel daran.

Die Walks führen etwa zur Polizei, in Kirchen, zur Bahnhofsmission und zu Flüchtlingsunterkünften. Zwei Fotokünstler schulen den Blick der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, decken Stereotype vor Ort im Gespräch auf. Wer dabei ist lernt, wie man respektvoll mit dem Bild eines Menschen umgeht und wie man ein respektvolles Bild gestaltet. Diese Art von Medienkompetenz ist heute wichtiger denn je.

Ein ungewöhnlicher Zugang, aber: Reden allein reicht oft nicht. Manchmal muss man auch fühlen. Und digitale Handlungen lösen – ganz analog – Gefühle aus. Genau deshalb ist respektvoller Umgang so wichtig – auch im Netz. 

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